Von der Gnade noch einen Tag erleben zu
dürfen - Teil 2
Das Gebäude ist ebenerdig, hat einen Mittelgang, links und rechts knapp 20 Betten. Jeder der hier liegt, ist im Endstadium. Die Schwestern, die hier arbeiten, verrichten körperliche wie geistige Schwerstarbeit, denn keiner in diesem Zimmer kann ohne fremde Hilfe existieren. Manchmal dauert der Todeskampf Stunden, manchmal hält einer Wochen durch. Am Ende fällt meist das Atmen so schwer, dass man meinen könnte, der Körper gibt den Kampf freiwillig auf.
Ich war nur zwei Tage für meine Recherche vor Ort und doch kann ich mir gut vorstellen, dass selbst hart gesottene Pflegerinnen bereits nach wenigen Monaten den Tempel wieder verlassen und sich anderen Tätigkeiten widmen. Niemand, der bei der Eröffnung des Tempels im Jahre 1992 dabei war, arbeitet heute noch hier.
Ich betrete den Raum mit den Aids Patienten. Es ist schwül und der Geruch von Eukalyptus gemischt mit Urin und Kot liegen in der Luft. Die Schwestern tragen Gummihandschuhe und Schutzmasken, wir haben nichts davon. „Keine Sorge“, sagt unsere Begleitung, wir seien die Gefahr, nicht die. Da sehe ich eine weit geöffnete Schiebetüre, auf der auf einem weißen A4 Blatt eine Warnung steht: „Tuberkulose Abteilung - Bitte Schutzmaske tragen!“ - ich aber habe keine.
Drinnen eine Schwester mit Maske, die gerade einen der Tuberkulosepatienten verpflegt, mein Blutdruck steigt, Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn, meine Brille beschlägt sich. Pure Angst überkommt mich, wo ich doch beschlossen hatte, ruhig und gefasst zu bleiben. Meine Hände zittern, unakzeptabel für einen Fotografen.Beruhige Dich wieder, sage ich mir, nun ist es sowieso zu spät, mach Deinen Job und dann nichts wie raus hier.
Als erster begrüße ich die anwesenden Patienten mit einem höflichen Wai und einem Sawasdee krab, was nichts anderes als „Guten Tag“ bedeutet. Alle Patienten, die noch dazu in der Lage sind, beobachten mich und jede meiner Bewegungen. Sie wissen genau, mein Besuch bedeutet, dass sie nun dokumentiert werden. Manche erwidern meinen Gruß, andere begutachten mich argwöhnisch. Als erstes sehe ich Arun, einen 32 jährigen Thailänder, er liegt in seinem Bett und lächelt mich an. Ich frage höflich, wie es ihm geht und ob ich ein Foto von ihm machen dürfe.
Er lächelt und nickt stumm. Arun stammt aus einem der nördlichsten Provinzen Thailands und ist eigentlich gar kein Thai, sondern Karen – einer der Bergstämme Thailands. Nach einem Gefecht vor 11 Jahren mit Milizen der Burmesischen Armee wurde fast sein ganzes Dorf getötet oder verletzt, erzählt Arun. Viele bekamen damals in einem Feldlazarett des Roten Kreuzes Blutkonserven und erkrankten am HI-Virus. Er ist einer der letzten seines Dorfes, der heute noch am Leben ist.
Als nächstes sehe ich Maha, 46 Jahre alt. Er spricht nicht und öffnet seine Augen auch nur für einen kurzen Moment, in dem er mit mir Kontakt aufzunehmen scheint. Sein Körper ist übersäht mit offenen Karzinomen und ich möchte mir nicht einmal vorstellen, welche Schmerzen er ertragen muss. Dass die violette Farbe auf seiner Haut von einer thailändischen Tinktur herrührt, die der Heilung dienen soll, weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Langsam gehe ich weiter zum Nächsten und lerne so binnen der nächsten halben Stunde alle Patienten mit Namen kennen. Jeder hier hat eine Geschichte zu erzählen und ist glücklich, dass jemand zuhört, wenn auch nur für wenige Minuten. Ich will nicht verschweigen, dass mich der Anblick dieser Todkranken tief betroffen macht, ja geradezu schockiert. Niemals zuvor in meinem Leben habe ich dem Tod so direkt bei seiner Arbeit zusehen müssen.
Entgegen anders lautenden Zeitungsberichten ist nicht jeder, der hier liegt, ein Bordellbesucher oder ein Drogenabhängiger. Auch sind viele andere Details erstunken und erlogen, erfahre ich, während ich mit meiner Übersetzerin zwischen den Betten mit den Patienten spreche. Der Grund hiefür ist simpel, die die Fotografen, welche sich oft als Volunteers ausgeben, sprechen kein Thai und kaum jemand hier spricht mehr als 10 Worte Englisch, Übersetzer gibt es keine, wozu auch, zum Wechseln der Windeln oder Waschen der Patienten ist auch keiner erforderlich, sagt Pai. Wir verlassen den Raum und schnappen erstmal frische Luft.
Mir fällt das schöne Geisterhäuschen auf und die Bilder, die auf einer Art Pinwand frei im Raum schweben und wir gehen weiter zu den Treppen, die von grimmig drein blickenden Kriegern zu beiden Seiten geschmückt sind. Zum Tempel hoch droben ist es ein weiter Weg und nach hunderten Stufen sind wir endlich oben angelangt.
Ich lege die Kamera beiseite und verstehe zum ersten Mal, wieso Mönche viele Stunden des Tages mit Beten verbringen. Zusammen mit einem der Mönche verbringen wir die nächste halbe Stunde gemeinsamen und beten für die Menschen im Kloster.
Das Lebensmuseum
Danach geht es zum nächsten Teil der Besichtigung, dem Lebensmuseum. Pai muss weg und so begleitet uns nun Nid, eine hübsche junge Frau, die gerade mit ihrem Hochschulabschluss fertig ist und hier freiwillig für einige Monate mithilft, die Administration des Klosters aufrecht zu erhalten.
Das so genannte „Lebensmuseum" mag ja der Abschreckung dienen, ist aber für westliches Verständnis nicht nur nicht notwendig an einem Platz wie diesem, nein, es ist auch in höchstem Maße menschenverachtend, denn keiner der hier Ausgestellten wäre glücklich, ausgestopft wie ein präpariertes Tier öffentlich als schlechtes Beispiel der Gattung Mensch zur Schau gestellt zu werden.
Nach dem Rundgang durch dieses Gruselkabinett der Aidsopfer geht's zu guter Letzt noch zu den Öfen des Krematoriums. Dort wird gerade eines der Opfer zur Verbrennung vorbereitet. Wir beten zusammen mit einem der Mönche und nehmen Abschied von Thongchai, einem 30 jährigen thailändischen Mann, der jetzt in den Ofen geschoben wird. Suntarankul öffnet die Gaszufuhr und startet den Verbrennungsvorgang, während der anwesende Mönch nach wie vor in Gebeten versunken scheint.
Betroffen wende ich mich ab und gehe Richtung der Sanitäranlagen, wo ich mir erst einmal die Hände und das Gesicht waschen möchte. Meine Hände zittern und mein Polo-Shirt ist nass, als hätte mich unterwegs ein tropischer Regenschauer erwischt. Zwischen Damen und Herren WC sehe ich den Ladyboy von vorhin am Boden sitzen und Blumen flechten. Ich ziehe meine Schuhe aus, betrete den Raum und frage höflich, ob ich sie bei der Arbeit porträtieren dürfe.
Som lächelt mich an und gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass sie mich attraktiv findet, was den Ladyboy an ihrer Seite eifersüchtig macht und binnen Sekunden entbrennt ein Streit darüber, wer mit mir reden dürfe. Ich versuche die beiden Streithähne zu trennen und frage höflich nach, wie es ihnen hier im Tempel geht. Ich weiß, dass sie genau wissen, was sie erwartet und frage deshalb, ob sie der Welt etwas mitzuteilen hätten. Ladyboys haben in Thailand wie andere Randgruppen nämlich kaum die Möglichkeit, sich im normalen Leben Gehör zu verschaffen. Toi wird plötzlich ruhig und ich erkenne Tränen in ihren zuvor noch so fröhlichen Augen. Er steht auf, kramt zwei Fotos aus einer Schreibtischlade hervor und posiert draußen vor der Tür für mich. So hübsch war ich noch vor 4 Jahren, sagt er. Ich bin in einer Show aufgetreten und fügt hinzu, die Männer hätten sich um ihn gerissen. Jeder wollte ihn haben.
Toi sieht, dass ich immer noch auf eine Antwort warte und nach einer Minute des Schweigens sieht er mich an und sagt: „Ich würde hart arbeiten und meinen Körper nicht mehr in Pattaya verkaufen, wirklich. Hätte ich gewusst, wie es endet, hätte ich den schwierigeren Weg gewählt“.
Frau Pranee Porjai
Mit dem Versprechen, dies exakt so wiederzugeben, wie er es mir gesagt hat, verlassen wir die Sanitär-Anlagen und gehen zurück zum Parkplatz, wo bereits der Chauffeur ungeduldig auf uns wartet. Ich lege meine Kamera beiseite, setze mich zu dem kleinen Pepsi Getränkestand, bestelle eine Wasserflasche, nehme kurz Augenkontakt mit der Verkäuferin auf, bedanke mich für den Strohhalm, den sie mir reicht und trinke erstmal die halbe Flasche eiskalten Wassers auf einen Zug aus.
Nachdem dann die Lebensgeister in meinen Körper zurückgekehrt sind, nehme ich die Verkäuferin als Person wahr und fragte sie vorsichtig: „Entschuldigen sie bitte meine Frage, ich möchte nicht taktlos erscheinen, aber wie fühlen sie sich hier? Immerhin verkaufen Sie nur wenige hundert Meter von all den Aids-Kranken entfernt tagtäglich Getränke und müssen mit ansehen, wie sie dahin siechen“?
Frau Pranee Porjai, 38, geboren in Lompang, einer nördlichen Provinz Thailands, sieht mich an und sagt nüchtern: „Ich habe es auch!"
Es durchfuhr meinen Körper wie ein Blitz. Den ganzen Tag über hatte ich aufgepasst, nicht und niemanden zu berühren, war vorsichtig, nicht nur in meiner Wortwahl, nein, ich trachtete auch danach, diesen Ort wieder unbeschadet und gesund zu verlassen und außer ein paar Fotos nichts mitzunehmen, da war es doch passiert! Ich trank aus einem Strohhalm, den mir eine HIV-Positive in meine Wasserflasche gesteckt hatte. Und hatte sie mich nicht auch berührt, als ich ihr den Geldschein überreicht hatte? Mir wurde heiß und kalt.
Pranee aber lächelte nur. Für sie war es eine völlig normale Reaktion eines Menschen, der nicht mit Aids umzugehen wusste und ich schämte mich für meine Dummheit, konnte man die Krankheit auf diesem Weg ja unmöglich übertragen. Genau diese Reaktion „gesunder Menschen" uns gegenüber ist der Grund, wieso wir alle hier wie in einer Leprakolonie leben müssen, weitab von unseren Familien und dem Rest der Welt, sagte Pranee lächelnd.
Erst jetzt wurde mir klar, dass ich im Wat Phrabat Nampu zwar angekommen, aber weit weg von dem Bewusstsein war, welches den Wandermönch Alongott 1991 bewog, diesen Ort zu gründen. Obwohl ich im Bewusstsein, helfen zu wollen, gekommen war, empfand auch ich Abscheu und Furcht vor den Kranken hier.
Natürlich interessierte mich jetzt die Geschichte der gut aussehenden Frau hinter der Theke des kleinen Imbissstandes und ich fragte höflich nach, ob sie bereit wäre, uns ihre Lebensgeschichte zu erzählen, besonders aber, wie es zu ihrer Erkrankung kam.
Pranee erzählt, dass sie schon im Alter von 2 Jahren (1972) nach Bangkok, der Hauptstadt Thailands zu ihrer älteren Schwester, welche zu dieser Zeit schon verheiratet war, übersiedelte. Sie war die jüngste von 11 Kindern, welche ihre Mutter zu Welt brachte, und sehr religiös erzogen. In Bangkok ging sie dann zur Schule und musste bereits nach 6 Jahren Grundschule - wie viele andere Kinder auch - mit der Arbeit beginnen. Sie arbeitete schwer, versuchte aber eine gute Buddhistin und Frau zu sein. Mit 25 Jahren lernte sie dann ihren jetzigen Ehemann kennen, heiratete ihn und bekam ihr erstes Kind. Eines Tages erzählt sie, sie war bereits 30 Jahre alt, bekam sie gesundheitliche Probleme und musste zum Arzt. Sie verlor rapide an Gewicht, hatte Probleme beim Atmen und litt unter Appetitlosigkeit. Der Arzt untersuchte Pranee und konfrontierte sie mit der schockierenden Tatsache, dass sie HIV positiv sei.
Der Arzt erklärte ihr, wie es zu dieser Infektion gekommen sein dürfte und bat ihren Mann, ebenfalls zu einer Untersuchung zu ihm zu kommen.
Der Satz „Ich habe Aids!" geisterte mir wie ein Echo unablässig in meinem Kopf herum, erklärt mir Pranee. „Des Weiteren waren die einzigen Gedanken, die mir immer und immer wieder durch den Kopf gingen, ich bin eine schlechte Frau, ich bin eine unanständige Frau, ich kann nicht mehr in dieser Welt leben“. Sie weinte bis keine Tränen mehr kamen und griff schlussendlich zu einem Küchenmesser, um so ihrem sinnlos gewordenen Leben ein Ende zu setzen. Sie schnitt sich die Pulsadern auf und wollte nur noch sterben.
Doch ihre Schwester sah rechtzeitig, was passiert war, rettete sie und erfuhr gleichzeitig von ihrer Erkrankung. Das änderte alles, denn obwohl 2004 bereits jeder wusste, was Aids ist und wie die Übertragung stattfindet, ist die Abscheu gegenüber HIV-Positiven sehr groß. Niemand möchte mit jemand zusammen leben, der erkrankt ist. Ihre Schwester liebt sie nach wie vor, aber das einfache Leben von vorher wird nie wieder zurückkehren, soviel ist sicher.
Pranee entschließt sich, alles Vergangene aufzugeben und geht zum Kloster Wat Phrabat Nampu. Sie lässt alles, was war, hinter sich, bittet ihre Schwester, auf ihr inzwischen 9 jähriges Kind aufzupassen. Eine unvorstellbar schwere Entscheidung für eine Mutter. Anschließend wird die Schwester ihrem Kind erzählen, dass sie bei einem Verkehrsunfall verstorben ist. Es war ihre Entscheidung, da sie nicht wollte, dass ihre Tochter mit dieser Schande leben muss, doch sie weint nun, die Gedanken sind auch heute, 4 Jahre später, zu schmerzhaft, um sie ertragen zu können.
Kurz nachdem sie im Tempel Halt gefunden hat und als eine der wenigen Medikamente bekommt, verbessert sich ihr Zustand zusehends und sie kann einen normalen Job ausführen. Der Abt bietet ihr an, den Getränkestand zu übernehmen, im Gegenzug dafür bekommt sie eine Art Taschengeld, mit dem sie ihre Medikamente selber bezahlen kann und die Unterkunft im Kloster sowie die Verpflegung. Dann, eines Tages, kommt ihr schwer kranker Mann vorbei, um sie zu besuchen. Er befindet sich in einem sehr fortgeschrittenen Stadium und möchte keine Hilfe annehmen. Er ist drogenabhängig und hatte unzählige Male ungeschützten Sex mit Prostituierten, wie er nun reuevoll gegenüber seiner Frau zugibt. Er weint, entschuldigt sich für seine Taten und hofft auf Vergebung.
Pranee ist längst hinweg über die Trennung und hat in der Meditation im Tempel erfahren, dass Vergebung die einzig richtige Entscheidung ist, denn das Leben hört nie auf, sagt sie. Lach einfach und ertrage alles, was da kommen mag. Es ist der beste Weg, denn wir können es nicht ändern.
Pranee möchte uns aber noch folgende Worte mit auf den Weg geben:
Solltet ihr einmal anderswo Menschen treffen, die Sex mit verschiedenen Partnern haben, obwohl sie eine Familie haben und verheiratet sind, erinnert sie bitte daran, wie es mir ergangen ist und sagt ihnen, dass sie nicht nur ihr eigenes Leben damit zerstören, sie töten damit auch ihren Partner, nehmen den Kindern ihre Eltern und allen Freunden einen geliebten Menschen.
Pranee's Körper spricht gut auf die HAART Therapie an und sie wird vermutlich noch weitere 20 Jahre mit dem HI-Virus leben können. Sie hat ihrem Mann, der kurz nach seinem Besuch verstorben ist, vergeben. Im Kloster hat sie jetzt einen HIV-positiven Mann kennengelernt und sich nun in ihn verliebt. Sie leben in einer 10m² großen Hütte des Klosters zusammen und wollen die ihnen noch verbleibenden Jahre zusammen verbringen.
Das Leben hört nie auf!
Wolfgang Steiner
Wien im November 2008































