Von der Gnade noch einen Tag erleben zu
dürfen
Saisunee ist 8 Jahre alt und leidet an der Immunschwächekrankheit Aids. Sie ist seit ihrer Geburt HIV positiv und befindet sich nun bereits in einem sehr fortgeschrittenen Stadium der Krankheit. Ihr Haare sind letzten Monat ausgefallen und oft fühlt sie sich zu schwach, um mit ihren Freundinnen in den Garten Spielen gehen zu können.
Ihre Eltern starben bereits vor mehr als einem Jahr und Saisunee wird seitdem von der Dramaraksa Foundation betreut. Auf meine Frage, was sie am liebsten macht, antwortet sie malen. Sie kauert auf dem warmen Betonboden und lässt sich nicht von den anderen Kindern stören.
Bei dem Blatt Papier, das sie gerade bemalt, handelt es sich um einen Vordruck aus dem Animationsfilm Cars. Sie ist sehr stolz auf ihr Werk und ich sehe das Leuchten in ihren großen Kinderaugen. Nicht oft kommen Farangs - so werden weiße Ausländer in Thailand genannt - an diesen Ort. Die Kinder bestaunen den „großen grimmig dreinschauenden Bären“ - wie sie mich nennen. Dabei versuche ich zu lächeln und habe meine Schutzmaske erst gar nicht aufgesetzt, um die Kinder nicht noch zusätzlich zu verängstigen.
Schlimm genug, dass ich bewaffnet mit einer Kamera unangemeldet in ihr Zimmer komme und versuche, ein Lächeln auf ihren geschundenen Körper zu zaubern. Zuvor hatten wir Stofftiere im hiesigen Supermarkt besorgt und verteilten sie nun an die Kinder. Saisunee nimmt sich das kleine weiße Schaf und hält es liebevoll in ihrer Hand.
Sie nennt es Mäh, faltet ihre kleinen Hände vor ihrem Gesicht zum thailändischen Wai und sagt „khob khun ka", was soviel wie „vielen Dank“ bedeutet. Ich liege vor ihr am Boden und habe Tränen in den Augen, Tränen der Rührung wegen dieser Geste und der liebevollen Blicke, die sie mir entgegenbringt. Alle Furcht, die ich zuvor verspürt hatte, war wie weggefegt und ich wusste, dass hier nichts Grauenhaftes auf mich wartete: ja, die Kinder waren infiziert mit dem HI-Virus, aber es waren ganz normale Kinder, Kinder die spielen wollten und Liebe brauchten.
Auf meine Frage ob sie wüsste, warum sie hier sei, erwidert sie selbstbewusst, dass sie Aids hat und bald sterben müsse. Sie sieht mich an und bemerkt, wie dicke Tränen aus meinen Augen meine Wangen hinabrollen und fragt mich, warum der große Bär denn nun so traurig wäre. Doch ich habe keine Antwort auf ihre Frage oder zumindest keine, die sie verstehen könnte, denn sie wusste ja, was sie erwartet. Auf meine Frage, was denn ihr größter Wunsch wäre, muss Saisunee nicht lange nachdenken: "Ich möchte noch einmal meine Eltern sehen um ihnen sagen zu können, wie lieb ich sie habe“ kam es über ihre schüchternen Lippen. Nun konnte ich nicht mehr fotografieren. Der „große Bär“ war am Ende seiner Kräfte. Meine Brillen hatten sich beschlagen und meine Gefühle tanzten Tango, alles drehte sich rund um mich und das Bild des kleinen Mädchens hatte sich nicht nur auf dem Sensor meiner Kamera eingebrannt, nein, es wird nie mehr aus meinen Erinnerungen verschwinden.
Hastig verabschiedete ich mich von den Kindern und setzte mich erstmal draußen in den Garten auf den Rasen. Tief durchatmen war mein einziger Gedanke. Lange hatte ich mich auf diesen Moment vorbereitet, mir die schlimmsten Szenarien ausgemalt und war nun doch hilflos, überwältigt von meinen Gefühlen. Meine Begleiter, ein Vertrauter des Managements der Dramaraksa Foundation, mein Übersetzer und der Fahrer verstanden meine Gefühlsregungen nicht. Für sie war dies nichts Besonderes, sie kannten die Kinder und wussten um den Umstand, dass hier niemand lebend rauskommt. Für mich aber war dies Neuland, wie ein Kriegsschauplatz, auf dem es keine Sieger gibt und niemand den Platz lebend verlässt. Nun verstand ich auch warum der Mönch mir in dem langen Gespräch vor meiner Besichtigung davon abgeraten hatte, die Kinder persönlich kennen zu lernen.
Draußen vor Saisunees Zimmer lagen einige andere Kinder auf dem Fußboden und starrten regungslos in einen Fernseher. Das Kinderprogramm sei eine willkommene Abwechslung wird mir erklärt, doch was ich sehe sind traurige Gesichter mit ausdruckslosen Augen, die in den Fernseher starren. Einige ältere Kinder schlafen auf bereit stehenden Bänken im überdachten Innenhof, andere sitzen nur teilnahmslos herum und starren Löcher in die Luft.
Es ist früh morgens aber draußen ist es bereits brütend schwül. Die Sonne brennt gnadenlos herunter, obwohl die Temperatur in den frühen Morgenstunden noch erträgliche 25° Celsius beträgt. Die Fröhlichkeit, die Kindern allerorts sonst innewohnt, scheint hier verflogen zu sein. Es gibt zwar einen nagelneuen Kinderspielplatz direkt vor dem Haus und im ersten Stock stehen Computer mit Internetanschluss bereit, doch Kinder sucht man im Garten oder vor den Computern vergeblich.
Die Geschichte von Alongkot Ponlamuk
Als der Wandermönch Alongkot Ponlamuk im Jahre 1985 den lange staubigen Weg zu Fuß bis zum Khaosamjod-Gebirge zurücklegte, machte er sich sicher noch keine Gedanken darüber, welche Auswirkungen sein Handeln in naher Zukunft haben könnte. Wie bei vielen Männern gibt es aber auch bei ihm eine Geschichte, wie er zum Mönch wurde und da diese untrennbar mit den HIV-Positiven in meiner Schilderung verbunden ist, möchte ich mir die Zeit nehmen, sie kurz zu erzählen:
Einst war da ein junger ambitionierter thailändischer Ingenieur, der nach Australien ging, um zu studieren. Er ließ seine geliebte Freundin in Thailand zurück und hoffte, sie nach Beendigung seines Studiums heiraten zu können. Doch als er zurückkehrte, war sie bereits mit seinem besten Freund verheiratet. Es bricht ihm das Herz und er versucht, seine Trauer und seinen Schmerz in Alkohol zu ertränken. Tagtäglich landet er in finsteren Bars, wo er sich bis zur Besinnungslosigkeit in Alkohol ertränkt, um zu vergessen. Nach dem 5. Autounfall landet er schwer verletzt im Spital, wo er Monate verbringt, bevor er wieder zu seiner Pflegemutter gehen kann, welche ihn nach dem Tod seiner leiblichen Mutter, die er im dritten Lebensjahr verlor, bittet, endlich sein Leben zu ändern und in die Zukunft zu blicken. Narben in seinem Gesicht zeugen auch heute noch von dieser Zeit der Selbstzerstörung.
Er wird Mönch und begibt sich auf Wanderschaft, zieht drei Jahre lang umher und erreicht schließlich die Gebirgskette von Khaosamjod und deren Höhlen, in denen er sich fast 6 Jahre lang der Meditation widmet. In dieser Zeit begann er bereits Einheimische aus der Nachbarschaft in Religion und Meditation zu unterrichten. Nach einiger Zeit bittet ihn der oberste Mönch dieser Provinz, Abt des Klosters am Fuße der Berge zu werden, was Alongkot annimmt.
1991 wird Alongkot aufgrund seines guten Rufes als Lehrer der Meditation nach Bangkok eingeladen, um Ärzten und Schwestern den Wert der Meditation zur Heilung von Krankheiten näher zu bringen. Ein Student überrascht den Abt bei einer seiner Vorlesungen damals mit der Frage: "Wie können wir mit Aids-Kranken in Frieden zusammen leben?"
Der junge Abt Phra Atscharn Alongkot Dikapanyo hatte bis zu diesem Tag jedoch noch nie etwas von einer Krankheit namens Aids gehört und besucht aus diesem Grund verschiedene Krankenhäuser Bangkoks, bis er sie isoliert in einer schmutzigen Abteilung eines Spitals vorfindet. Er weiß nicht, was die Krankheit auslöst oder wie ansteckend sie ist, was er aber sofort erkennt, ist die Ausweglosigkeit, in der sich die Patienten befinden; kein Arzt und keine Schwester kümmern sich um die dahin siechenden Patienten. Niemand wäscht sie, es gab keinerlei medizinische Betreuung, ja es sprach noch nicht einmal jemand mit ihnen. Es waren Ausgestoßene, die auf ihr sicheres Ende warteten. „Ich war der erste und auch einzige, der diese Menschen überhaupt berührt hat, so groß war die Angst des übrigen Pflegepersonals in dem Hospital damals, erzählt Alongkot!"
Alongkot begriff, dass Aids weniger ein körperliches Leiden, denn ein soziales Problem war. Er kommt nun häufiger nach Bangkok und verbringt viel Zeit damit, die Kranken zu füttern, sie zu waschen oder einfach nur mit ihnen zu reden. Als dann der erste Aids Patient in seinen Armen stirbt, begreift Alongott, dass die Einsamkeit der Menschen hier weit schwerer wiegt als all ihre körperlichen Probleme.
Knapp ein Jahr später hat er dann die notwenigen Vorkehrungen abgeschlossen und bringt die ersten Aids Kranken in den Wat Phrabat Nampu, welcher 1991 acht Mönche beherbergt. Innerhalb des ersten halben Jahres flüchten aber alle Mönche aus Furcht vor der Krankheit aus dem Kloster und Abt Alongkot ist wieder einmal auf sich alleine gestellt. Zusammen mit seinem Patienten kämpft er gegen die Bevölkerung der umliegenden Dörfer, die versuchen, die beiden Aussätzigen zu vertreiben. Jeden Morgen muss er weite Strecken zu Fuß zurück legen, um genügend Nahrung für seinen Patienten und sich selbst zu erbetteln.
Erst gut ein Jahr später erzielt er eine Einigung mit dem Oberhaupt der Provinz, in der vereinbart wird, dass kein Aids Kranker ihre Siedlung betreten wird. Ab diesem Zeitpunkt bekommt er erstmals freiwillige Hilfe aus der Bevölkerung und kurz danach arbeitet sogar eine Krankenschwester fix bei ihm im Kloster.
Zu dieser Zeit sind in ganz Thailand erst einige hundert Aids Fälle offiziell registriert. Ein paar Monate später leben bereits 7 HIV-Positive im Kloster. 1993 sind es bereits über 100 und erstmals muss der Abt Patienten abweisen. Es fehlt an allem: Platz, Unterkünften, Betten, Nahrung, aber vor allem auch an Geld, denn um Medikamente kaufen zu können, braucht man Geld. Wenig später wird klar, dass man auf Spenden angewiesen ist und sofort mit dem Bau neuer Unterkünfte begonnen werden muss, will man dem Ansturm immer neuer Kranker Herr werden. Mehr als 3.000 HIV-Positive kommen 1994 zum Kloster und hoffen auf Heilung und Unterkunft. Nur 600 finden aber auch Zuflucht im Kloster, mehr kann Alongkot einfach nicht aufnehmen.
Aber auch diejenigen, die bleiben dürfen, werden nur einige Wochen betreut, bekommen Nahrung und müssen anschließend wieder gehen. Alleine 1994 starben 123 Menschen im Kloster Wat Phrabat Nampu.
Heute im Jahr 2008 hat das Hospiz immer noch nichts an seiner schockierenden Wirkung auf Besucher verloren. Der mittlerweile zu tragischer Berühmtheit gelangte „Aidstempel" liegt malerisch am Fuße einer dicht bewaldeten Hügelkette, nahe des Thailändischen Ortes Lopburi (ca. 160 km nördlich von Bangkok). Zwischen Akasia-Bäumen und Bougainvillea-Sträuchern stehen entlang betonierter Wege Häuser mit hellgrünen Dächern, dazwischen ein paar bunte Buddha Statuen und diverse administrative Einrichtungen. Bis zu 450 Patienten können hier gleichzeitig von ein paar wenigen Schwestern und freiwilligen Helfern sowie einem Arzt und 10 Mönchen betreut werden. Medizinische Betreuung in unserem Sinne gibt es aber hier nicht wirklich. Die meisten Patienten kommen nämlich erst hierher, wenn sie von der Familie oder der Gesellschaft verstoßen werden und sich in einem sehr fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung befinden.
Hinzu kommt natürlich, dass der Tempel von freiwilligen Spenden lebt, niemanden der Hilfe sucht, ablehnt und die Betreuung von hunderten Menschen sowie dem Pflegepersonal Unsummen verschlingt. Die Dramaraksa Foundation betreut inzwischen weit über 1.500 HIV-Positive in 4 verschiedenen Camps, was 60 Mio. Baht jährlich verschlingt (umgerechnet ca. 1,3 Mio. Euro – Stand Nov. 2008). Eine geradezu lächerlich geringe Summe, sieht man sich an, was der Betrieb eines Krankenhauses für die selbe Anzahl „normal" Kranker in Österreich oder Deutschland verschlingt. Bei uns könnte man für € 1,3 Mio. gerade einmal ein Dorflazarett für ein Jahr betreiben, aber sicher keine 1.500 Aids Patienten in einem Spital samt Ärzten und Pflegepersonal betreuen.
Leider führte aber ein Spendenrückgang seit 2004 dazu, dass auch die benötigten 60 Mio. Baht nicht mehr aufgebracht werden können, obwohl die Anzahl der HIV-Kranken wieder im Ansteigen begriffen ist. Sogar eine Schließung des Klosters stand 2005 kurz zur Diskussion, da praktisch kein Geld mehr zur Verfügung stand. Dies führt nun zwangsläufig zu der für uns unvorstellbar grausamen Tatsache, dass viele der Patienten weder eine HAART Therapie gegen HIV, noch irgendwelche Schmerzmittel verabreicht bekommen, was aber dringend nötig ist, will man den an Aids erkrankten Patienten die letzten Wochen und Monate ihres Lebens halbwegs menschenwürdig gestalten.
Würden wir das Jahr 1990 schreiben, wäre dies wohl wenig verwunderlich, war die Krankheit damals praktisch noch unbekannt und man dachte, sie würde sich auf Randgruppen wie Homosexuelle oder Drogenabhängige beschränken. Im Jahr 2008 ist dies aber nicht mehr notwendig, denn längst gibt es eine gut wirksame Kombinationstherapie aus mehreren antiretroviralen Medikamenten, welche HIV positiven Patienten ein benahe „normales" Leben über Jahrzehnte ermöglichen.
Viele Jugendliche nehmen Aids heute aber nicht mehr als wirkliche Gefahr wahr und Safer Sex ist für viele in Europa bereits ein überholtes Thema. Manch einer glaubt sogar, dass es bereits eine Heilung gäbe und zeigt keinerlei Furcht vor einer Infizierung mit dem HI-Virus.
Wat Phrabat Nampu – Khaosamjod, Lopburi, Thailand
Als wir nach einer zweistündigen Fahrt in unserer Limousine zum Tor des Tempels gelangten, standen wir vor einem verschlossenen Schranken und wurden recht unfreundlich mit dem Hinweis, dass Ausländer keinen Zutritt hätten, abgewiesen. Erst nach einem Telefonat, das wir von Herrn Charim Konmun erwartet würden, öffnete sich uns der Schranken und wir parkten unseren Wagen auf dem riesigen Schotterparkplatz direkt hinter der Tempelmauer. Ein recht großer Parkplatz für einen solchen Ort des Todes, dachte ich mir und konnte mir kaum vorstellen, wozu man Parkplätze für gut und gern 10 Reisebusse hier am Ende der Welt brauchen könnte.
Wat Phrabat Nampu ist aber nun schon seit mehr als 16 Jahren die Anlaufstelle für HIV-Positive aus ganz Thailand und wie es aussieht, wird sich auch in naher Zukunft wenig daran ändern. Am Ende einer kleinen Strasse außerhalb des Provinzortes Lopburi in unmittelbarer Nähe von Bergen und Sonnenblumenfeldern idyllisch gelegen, thront hoch über dem Hospiz eine riesige weiße Buddha Statue. Hunderte Treppen führen den Berg hinauf und erinnern schmerzlich daran, dass alles im Leben einen Anfang, aber auch ein Ende haben muss.
Auf dem weitläufigen Areal der Tempelanlage finden sich weiters die Unterkünfte der hier im Kloster ansässigen Mönche sowie die der Patienten, welche noch selbstständig in der Lage sind, sich zu versorgen. Weiters ein kleiner Supermarkt, ein Bankomat, ein Büro, in dem Spenden jedweder Natur abgegeben werden können, ein Krematorium mit 6 Öfen sowie ein sogenanntes „Lebensmuseum".
Das weit weniger bekannte „Kid's Camp", welches 80 km davon entfernt liegt, ist heute Zufluchtsstätte für fast 1.000 Kinder, welche zum größten Teil HIV infiziert geboren wurden, teils aber auch einfach nur von ihren Eltern nach der Geburt weggelegt wurden oder schlicht durch familiäre Tragödien zu Waisen wurden.
Da Aufklärungskampagnen in Thailand nicht zum Erfolg geführt haben, ging man in den letzten Jahren dazu über, die Schulkinder sowie die Präsenzdiener gesammelt zum Tempel zu führen und ihnen vor Augen zu führen, wie gefährlich diese Krankheit ist. Ganze Schulklassen werden so direkt durch den Todestrakt des Tempels geschleust, vorbei an Dutzenden Patienten im letzten Stadium, welche nur mehr wenige Tage zu leben haben. So konnte, wenn man den Verantwortlichen glauben darf, wenigstens ein kleiner Beitrag zum Schutz der nächsten Generation geleistet werden, denn die über Dreißigjährigen halten auch heute noch nicht sonderlich viel von der Verwendung von Kondomen.
Diese Zur-Schau-Stellung von Todkranken wäre bei uns sicher ethisch nicht vertretbar und für kaum jemanden vorstellbar, in der thailändischen Kultur aber begegnen sich die Menschen auch unter solch extremen Umständen mit Achtung und Würde. Was bei uns in Europa Empörung und Angst hervorrufen würde, ist für Thailänder eine ganz normale Sache. Man fährt zum Tempel, bringt Obst, Gemüse oder Blumen mit, spricht mit den Patienten und fährt wieder nach Hause.
Es ist ein sehr friedlicher Ort, in dem Männer wie Frauen, Ladyboys aber auch Kinder ihre letzte Ruhestätte finden. Niemand hadert mit seinem Schicksal und es ist kein Hass oder Ärger gegen andere zu verspüren. Niemand beschwert sich darüber, wie schlecht die Welt ist oder wer die Schuld an diesem Zustand zu tragen habe, obwohl in den allermeisten Fällen verheiratete Männer nach durchzechten Nächten samt Bordellbesuch ihre Frau und manchmal auch die Kinder auf dem Gewissen haben.
Hier spielt der Buddhismus eine große Rolle. In der thailändischen Kultur ist der Glaube an die Wiedergeburt jedes Lebewesens tief verwurzelt und auch wenn dies für uns Europäer eigenartig anmuten mag, hilft es den Menschen in diesem Kloster sichtlich, sich mit ihrem Schicksal abfinden und die verbleibende Zeit positiv nutzen zu können. Anderes als bei uns Christen, wo der Tod zwar auch nicht das absolute Ende, aber doch das Ende des irdischen Daseins bedeutet, leben die Thai's im Bewusstsein, es im nächsten Leben besser machen zu können. Sogar in den letzten Tagen versuchen die Patienten noch ein wenig von der verbleibenden Zeit mit Radiohören oder in Gesprächen mit ihren Freunden zu verbringen.
Der erste Mensch, dem ich begegne, ist Som, Thais lieben Kosenamen. Verschmilzt lächelt sie mich an und sagt: "I am ladyboy!", als ob dies zu übersehen gewesen wäre. In Thailand nennt man so jene Männer, die entweder durch die Erziehung innerhalb der Familie oder durch eigene Entscheidung zu dem Entschluss gekommen sind, lieber als Frau leben zu wollen, obwohl sie als Mann geboren wurden. Überraschend viele „Ladyboys" sieht man hier in Thailand und es drängt sich der Gedanke auf, dass mehr als nur der bloße Wunsch nach dem anderen Geschlecht dahinter stecken muss. Wobei die überwiegende Anzahl zwar eine Hormonbehandlung über sich ergehen lässt, um femininere Gesichtszüge und einen Busen zu bekommen, das Glied aber nicht entfernen lassen, da mit diesem Schritt jeglichem sexuellen Spaß ein jähes Ende für immer gesetzt wäre. Dass die Mehrheit dieser Ladyboys anschließend in den Bars von Bangkok und Pattaya ihren Körper gegen Bares anbieten, versteht sich fast von selbst und kaum jemand, der in Thailand auf Urlaub war, hat sie nicht gesehen, treten sie doch in berühmten Kabaretts überall im Lande in schillernden Kostümen auf.
Natürlich gehören Ladyboys mit zu der am meisten gefährdeten Risikogruppe und viele der Bewohner des Tempels sind solche Ladyboys, wie ich im Zuge meiner Recherchen erfahren werde. Freundlich frage ich Som, ob ich ein Foto von ihm machen dürfte und nicht nur, dass er freudig zustimmt, fragt er mich sogar, ob er vor dem überdimensionalen AIDS Schriftzug, welcher hinter dem Parkplatz prangt, posieren soll.
Etwas verunsichert nicke ich und mache ein paar Aufnahmen. Er ist sichtlich glücklich, wieder einmal einem Farang seinen Körper zeigen zu dürfen und es ist keine Verbitterung in seinen Worten zu hören. Er scheint glücklich zu sein, hier im Tempel mit ein paar gleichgesinnten Freunden leben zu dürfen.
Wir gehen weiter zum Hauptgebäude, um uns anzumelden und den Vertrag für die Verwertung der Bildrechte zu verhandeln. Dies ist heute ein absolutes „Must“ in einer Zeit, in der publicitygeile Fotografen aus aller Welt sogar die Bürde einer einwöchigen Pflege der Aidskranken auf sich nehmen, nur um anschließend mit reißerischen Fotos Geschäfte machen zu können. Traurig aber wahr. Und genau aus diesem Grund, erklärt mir eines der Mitglieder des Komitees der Dramaraksa Foundation, Herr Charim Konmun, sind gerade Fotografen, hier nicht mehr willkommen.
Ein bekannter Kriegsberichterstatter hat vor einigen Jahren mit seinen Schwarzweißbildern einiger Todkranker vom Wat Phrabat Nampu für weltweites Aufsehen gesorgt und dem Kloster einen großen Imageschaden eingebracht. Die fotografisch hervorragend gemachten Bilder zeigten nämlich - wie viele anderer seiner ethisch sehr fragwürdigen Dokumentationen - nur das Grauen dieses Ortes, aber keinerlei positive Aspekte. Und gerade darum gehe es hier, erläutert Konmun im Gespräch mit meiner Übersetzerin. Es ist keinem unserer Patienten damit gedient, dass ein einzelner selbstsüchtiger Fotograf vom unsagbar großen Leid anderer profitiert, Preise einheimst oder sogar noch berühmt damit wird. Die Menschen hier in unserem Kloster sind allesamt Buddhisten und schätzen den friedvollen und versöhnlichen Umgang miteinander. Wir beten und meditieren jeden Morgen zusammen und erst seit den furchtbaren Bildern dieses Fotografen kommen fast wöchentlich Volunteers aus aller Herren Länder an, die allesamt nur eines im Kopf haben, nämlich eine Geschichte über diesen Ort des Grauens für ihre Zeitung verfassen zu können.
Auf meine Frage, wieso sich die Foundation nun dennoch dazu entschlossen hat, mich als Fotografen zuzulassen, um der westlichen Welt über diesen Ort berichten zu dürfen, kommt eine knappe aber klare Antwort: „Anders als die Fotografen vor Ihnen sind sie Buddhist, sprechen Thai und sind mit einer Thailänderin verheiratet, dies erlaubt Ihnen, unser Handeln wenigsten ein bisschen zu verstehen“.
Nach einer stundenlangen Einweisung in die Gepflogenheiten des Tempels wurde uns Pai, eine 35 jährige Frau mit einer kleinen Tätowierung am linken Handgelenk und ihrer Schulter als unser Führer vorgestellt. Gemeinsam mit ihr gingen wir zum ersten Ort der Besichtigung, einem großen schwarzen Bronze Buddha, welcher im hinteren Teil der Anlage in gut 2 m Höhe unter einer Art Flugdach thront. Davor sind mehr als 12.000 kleine weiße Baumwollsäckchen mit der Asche der Verstorbenen der letzten Jahre gestapelt.
Ein beklemmendes Gefühl überkommt mich und ich kann nicht umhin, mir vorzustellen, wie viele Menschen hier täglich sterben. Denn erst vor 10 Jahren, als eine großzügige Spende es möglich machte, wurde der erste von mittlerweile 5 Öfen im Krematorium des Tempels installiert. Und erst seit diesem Zeitpunkt konnte die Asche der Verstorbenen entsprechend pietätvoll am Fuße des großen Buddha aufbewahrt werden. Davor wurden die Leichen einfach auf Bananenblätter im Freien gelegt und angezündet. Zu den schlimmsten Zeiten mussten so bis zu 7 Menschen pro Tag eingeäschert werden, erklärte mir Herr Charim Konmun zuvor. Alleine die Anzahl der Öfen ist in höchstem Maße ehrfurchtseinflößend und ein untrüglicher Beweis dafür, wie viele Menschen täglich an dieser furchtbaren Immunschwäche Erkrankung sterben müssen.
Nur wer zwei bis drei Tote pro Tag und den Geruch von Verwesung, Urin und Kot ertragen kann, hält hier länger als ein paar Stunden durch, sagt Pai lächelnd. Ich weiß wovon sie spricht, kann ich den Geruch des Todes hier überall wahrnehmen. Hier kommt niemand lebend raus, ergänzt sie und zeigt uns das „Center of Hope". Ein Haus in dem Patienten untergebracht sind, die noch selbstständig genug sind, um sich waschen und versorgen zu können, quasi die Vorstufe zum Todestrakt, welcher sich ein Gebäude weiter befindet. Der Name des Gebäudes erscheint mir wie ein schlechter Scherz, denn ohne HAART Therapie gibt es keinerlei Hoffnung für die Patienten, soviel ist klar.
Currently 4 comments
(add your own)einerseits hast du recht, wie so vieles von nachtwey sind die bilder spektakulär aber einseitig. es stellt sich aber auch die frage, inwiefern sie zu der von dir erwähnten grossspende beigetragen haben. denn dann waren sie im endeffekt ja doch nützlich. siehst du das anders?
Comment posted by flo rainer → florianrainer.com
Hr.
Hallo Rainer,
da verwechselst Du offensichtlich etwas. Herr Nachtwey hat laut Aussage von Herrn Charim Konmun, dem Tempel nicht nur keinen Cent gespendet, sondern in Gegenteil auch noch einen beträchtlichen Imageschaden eingebracht.
Liebe Grüße
Wolfgang Steiner
Comment posted by wolfgang
respect
für alle die die da arbeiten und helfen.
ich weiss nicht was ich zu den bilder schreiben soll sie lösen bei mir aufjedenfall gänsehaut während des lesen und anschauen aus...
technisch sind die bilder sehr gut gefallen mir sehr vorallem weil sie mal nicht wie sonst nur die schöne glamour welt der fotografie zeigen.
wünsche dir noch ein schönes wochenende
gruss pino.petrillo
Comment posted by pino




























Frau
Sehr beeindruckende Fotodokumentation...Kompliment ^^
glg,kathrin
Comment posted by Kathrin Kinzel