Wolfgang Steiner Photography - MyBlog
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Megapixel über alles!

Kaum hat die Photokina 2008 ihre Pforten eröffnet macht sich bei den einen Wehklagen, bei den anderen überschwängliche Euphorie breit. Da bringt Canon zum einen den lang erwarteten Nachfolger der alten Canon Eos 5D mit 21 MP heraus und Leica schockt andererseits die Fachwelt mit einer zukünftigen S2 welche sagenhafte 37 MP haben soll.

 

Nur Nikon, meine Stammmarke enttäuscht wieder mal, denn weit und breit keine ach so tolle 24 MP Kamera in Sicht. Müssen nun alle Nikon Alteisenverwender sofort das sprichwörtliche Hangerl werfen und zu Sony oder gar dem Todfeind Canon wechseln?

 

Theoretisch nein, der Pöbel aber schreit nach mehr. Was also tun? Der breiten Masse folgend, alle Scherben in der Bucht versenken um in neuen Megapixelspähren sein Glück zu suchen, oder traurig und belächelt zurück zu bleiben und sich mit lächerlichen 12 MP zufrieden geben?

 

Fragen über Fragen....

 

Wer aber sind denn eigentlich diese berühmt berüchtigten Megapixel in meiner Kamera und was tun sie?

 

 

Viele von euch werden sich, ob ihrer Vorliebe zur Fotografie diese Frage schon mal insgeheim gestellt haben. Machen sie das Foto hübscher, oder sind es gar winzig kleine Heinzelmännchen, die unbemerkt von der Außenwelt ein Dasein im Finsteren Body fristen und nur darauf warten, die zittrig einfallenden Photonen mit Zangen und Hämmern gerade zu biegen, nur um uns Fotografen zu gefallen?

 

Oder ist es so wie den DVD Brennern? Je höher die Zahl auf der Frontlade desto schneller ist die DVD dann auch gebrannt? Dann allerdings wären die 12MP eine Nikon D3 wahrhaft keine Offenbarung und mir würde endlich klar wieso die Kamera sich so mit dem abspeichern Zeit lässt ;-)

 

Aber nun mal im Ernst.

 

Wer weiß denn wirklich wozu die Megapixelangabe seiner Kompaktkamera oder DSLR tatsächlich gut ist?

 

Die allerwenigsten behaupte ich mal frech, denn wie könnte es im Jahr 2008 sonst passieren, dass tagein tagaus hunderte Forenbesucher nach 24 oder mehr Megapixel betteln, ja geradezu lauthals schreien? Mal ganz abgesehen davon, dass dann genau diejenigen die am vehementesten Kameras mit 24MP gefordert haben, sowieso kein Budget dafür vom häuslichen Finanzminister genehmigt kriegen. Dies sei aber nur nebenbei erwähnt.

 

Da unsere Zeit extrem schnelllebig geworden ist muss ich mir jetzt leider die Mühe machen und einen Status Quo angeben, denn sonst tauchen 6 Monate später wieder dutzende Fragen zur Relevanz dieses Artikels auf.

 

Stand der Technik ist heute am 24.September 2008:

 

Canon Eos 1Ds Mark III: 21,1 MP

Nikon D3: 12,3 MP

Sony Alpha 900: (demnächst) 24,6 MP

Leica S2: (vielleicht irgendwann mal) 37 MP

 

Versuchen wir zuerst einmal zu erörtern was diese berüchtigten Megapixel, die alle so gerne hätten, eigentlich tun, also während ihrer Arbeitszeit praktisch, denn wenn die Kamera abgeschaltet ist haben sie ja Urlaub und können miteinander fröhlich Tarockieren oder sich von mir aus auch Paaren.

 

Was unter uns gesagt eigentlich sehr nützlich wäre, da sie sich so selbst vermehren würden, was nicht nur dem Kamerahersteller eine Menge Entwicklungsarbeit ersparen würde, nein der Konsument müsste sich auch nicht wöchentlich fragen, ob er gerade ein veraltetes Modell erworben hat um es am nächsten Tag dem Händler seines Vertrauens wieder um den Hals zu wickeln nur weil heute ein Nachfolgemodell beworben wurde.

 

Der damit verbundene Nachteil wäre allerdings, dass die armen Pixel immer weniger Platz auf der vorgegebenen Sensorfläche hätten, was unweigerlich dazu führt, das sie sich, ob der Enge unwohl fühlen und sich gegenseitig beim fangen der einzelnen Photonen behindern. Dies führt dann dazu, dass regelrechte Streitereien entstehen und schon mal ein blaues Auge oder ein aufgeschürftes Knie zu beklagen sind. Dies sind dann die roten und blauen Falschfarbenpixel wenn die Kamera „rauscht“!

 

Okay grüne gibt’s auch noch, dass ist eher unschön, denn da hat sich dann ein völlig betrunkener einzelner Saufpixel, nicht zu verwechseln mit der Masse der Pixel, genannt Mega (für ganz viele)-Pixel übergeben.

 

Daher kommt auch der Begriff des Bildrausches, fälschlich auch Bildrauschen genannt.

 

Im Prinzip ist es aber gar nicht so schwer die Funktion der einzelnen Pixel zu verstehen denn sie tun nicht anderes als einzelne Photonen, also Licht, einzufangen und zu sammeln. Dies werden dann, nach der Sortierung (Infrarote und Ultraviolette werden vorab aussortiert) in dunkle und helle, rote, grüne und blaue sortiert und fein säuberlich in einem speziell dafür vorgesehenen Album eingeklebt. Dies nennt man heutzutage Speicherkarte. Bei meinem Opa hieß es noch Briefmarkenalbum, aber seis drum, heute wird ja praktisch alles umbenannt.

 

Wieso nun aber 12 Megapixel derzeit noch viel besser als 21 Megapixel sind, ist sicher den meisten unklar und daher Bedarf es einer näheren ernsthaften Betrachtung.

 

Zuerst müssen wir ein Ziel definieren.

 

Klingt komisch, ist aber so.

 

Im Fall der Kamera geht es hierbei um den anschließenden Verwendungszweck der Bilddateien. Arbeiten wir als Modefotograf im Studio und machen Aufnahmen für ein Hochglanzmagazin, kann die Anschaffung einer Hasselblad plus 60 Megapixelback von Phase One durchaus eine sinnvolle Investition sein.

 

Verkaufen wir unsere Fotos jedoch „nur“ bei Microstockagenturen wie Istockphoto oder anderen, so wie ich dies seit Jahren mache, genügen 2 Megapixel vollauf, betrachtet man die durchschnittlich gekaufte Dateigröße.

 

Okay in den meisten Wohnungen ist dann zwischen Kästen und Fenstern vielleicht auch noch Platz für das eine oder andere Bild bis maximal 70x100cm, gut ich gebs ja zu, aber auch hier kann relativ simpel das Ziel seiner Wünsche und Träume definieren und in Megapixel gießen.

 

 

Für den privaten Anwender würde ich persönlich 6 bis 10 Megapixel als perfekt bezeichnen. Wieso diese große Spanne? Weil der Beschnitt durch die oft fehlenden Sucher (Kompaktdigis haben heute keine Sucher mehr) das exakte Ausrichten der Kamera extrem erschweren und einen nachträglichen Beschnitt meist unerlässlich machen. Dies kostet schnell mal 20% der Bildfläche was aus 10 MP die man ursprünglich hatte, gleich mal 8 macht.

 

Sagen wir also 10 Megapixel sollen es sein.

 

Um nun aber verständlich zu machen wieso 10 Megapixel aus einem Handy nicht 10 Megapixel aus einer Kompakten Digi und schon gar nicht genau den selben 10 Megapixel aus einer Nikon D3 entsprechen möchte ich kurz vom Thema abschweifen.....

 

Als Beispiel möchte ich hier wieder mal das gute alte Automobil heranziehen, mit dem sich, auch in diesem Fall trefflich erklären lässt wieso weniger durchaus mal mehr sein kann.

 

Viele glauben nämlich, dass die Anzahl der Megapixel vergleichbar mit der Leistung (PS) ihres Kraftfahrzeuges sei, was ein grober Irrtum ist. Also je mehr Megapixel desto besser und schöner werden die Bilder.

 

Dies ist gelinde gesagt falsch!

 

Vielmehr gleichen die Megapixel nämlich dem Hubraum eines KFZ und nicht seiner Leistung. Ein Fahrzeug braucht heutzutage keine 6,0 Liter Hubraum (6000cm³) mehr um 100 PS erzeugen zu können. Heutzutage gibt es sogar schon 1,0 Liter Motoren die mehr als 100PS erzeugen.

 

Aber auch bei Kraftfahrzeugen ist es unumgänglich ein klares Ziel zu definieren. Wie viel soll der Motor verbrauchen, wie schnell muss das Fahrzeug fahren können, usw.. Erst wenn all diese Parameter festgelegt wurden kann man sich für die am besten zu einem passende Motorisierung nachdenken und diese auswählen. Spielt zum Beispiel der Verbrauch keine Rolle und soll das KFZ mindestens 250km/h schnell laufen, wird der Motor recht groß von seiner Kubatur her sein müssen und auch eine entsprechende Leistung mitbringen müssen. Reichen hingegen 160km/h welche bei adäquatem Verbrauch realisiert werden sollen, wird auch ein kleiner 1800cm³ Dieselmotor ausreichen.

 

Hier sieht auch der Laie sofort, es kommt auf die Anwendung an.

 

Was zum Teufel hat aber nun der Motor meines Golf mit den Megapixel meiner Kamera zu tun, wird sich der geneigte Leser jetzt fragen?

 

Ganz einfach. Nur weil ein Auto einen großen Motor hat bedeutet es noch lange nicht, das es gleichzeitig auch mehr PS hat. Auf die inneren Werte des Motors kommt es an und nicht auf den Hubraum allein.

 

Wer dies versteht rückt dem Marketingwahnsinn der Manager aller Elektronikkonzerne dieses Planeten bereits gefährlich nahe auf die Pelle, denn wären alle Konsumenten so schlau, würde niemand eine Kompaktkamera kaufen die mehr als 10MP hat.

 

In der Praxis sieht es leider so aus, dass das gefährliche Halbwissen weit verbreitet ist und kaum jemand ahnt, dass es ein reiner Marketinggag ist wenn ein Sensor mit der Fläche eines 1Cent Stückes mit 15 Megapixel bestückt wird.

 

Dies ist schlicht und ergreifend so sinnvoll wie einen Lamborghini Gallardo mit einem Smart Motor auszustatten, nämlich deppert. Der Lamborghini sieht vielleicht von außen immer noch geil aus, keine Frage, nur spätestens beim an starten wird der Besitzer den Startknopf umgehend wieder betätigen und einen Motorschaden konsultieren um sich die Blamage vor dem wegfahren zu ersparen. So ähnlich verhält es sich in unserem konkreten Fall mit den 5 Megapixel Handys oder den 15 Megapixel Kompakten, aber auch mit der 24,6 Megapixel Sony Alpha 900.

 

Allesamt wertlos, weil unbrauchbar.

 

Alle Kamerahersteller wissen heute, dass das Rauschverhalten das Kaufkriterium unter Profifotografen ist und dieses massgeblich durch die Größe der einzlnen Pixel beeinflusst wird. Soll heißen: je kleiner die Sensorfläche und je höher die Anzahl der darauf untergebrachten Pixel, desto mehr rauscht das Ding am Ende. Ein wenig kann man da zwar mit gefinkelter Elektronik wegfiltern und nachbessern, aber im Prinzip hilft nix, großer Sensor = gute Bildqualität, oder im Umkehrschluss, kleiner Sensor = scheiß Qualität. Bei gleicher Megapixelanzahl versteht sich.

 

Nun da dies klar ist, möchte ich den einen oder anderen dazu auffordern seinen Wunsch nach einem MEHR an Megapixel nochmals gründlich zu überdenken. Glaubt mir, diese Gedanken sparen nicht nur viel Geld, sie lohnen sich auch.

 

Fotografie ist eine Kunst und hat rein gar nichts mit der zur Verfügung stehenden Technik zu tun.

 

Denn wie schon erwähnt... ich fotografiere nun seit gut 2 Jahren professionell und die Durchschnittsgröße meiner verkauften Fotos liegt bei weniger als 2 Megapixel je Bild!!!

 

In diesem Sinne.....

 

Sponsort lieber die Glashütten als die Kamerahersteller. Das bringt weit mehr.

 

Liebe Grüße und schönen Tag noch wünscht euch ein nachdenklicher

 

Wolfgang