Der Ritt auf der Kanonenkugel - Teil 2
Teil 3:
Retour in Kathmandu
Da ich nur 2 Tage lang weg gewesen war, hatte ich nicht einmal ausgecheckt und so brauchte ich nur meinen Zimmerschlüssel an der Rezeption abholen, aufs Zimmer gehen, mich zu duschen, um zuziehen und schon konnte ich wieder … weiterarbeiten.
Auch heute war das Wetter nicht gerade berauschend und so stellte ich mich mit meinem Monsterstativ in den Garten des Dwarikas und hielt Ausschau nach möglichen „neuen“ Blickwinkeln um den Eigentümer mit interessanten Bildern zu überraschen. So verbrachte ich den ganzen Nachtmittag über schwitzend im Innenhof des Dwarikas. Nach einem herrlichen Abendessen im Garten, ein paar kühlen Bierchen und einem klimatisierten Zimmer in dem man geborgen wie ein Baby schlafen kann verbrachte ich eine erholsame Nacht, welche leider wiedermal viel zu früh zu Ende war.
Für den nächsten Morgen hatte ich nämlich den Flug mit der Buddha Air zum Mount Everest gebucht. Diese „Rundflüge“ zum höchsten Berg unseres Planeten bietet die Buddha Air schon seit vielen Jahren an und sie sind regelmäßig ausgebucht. 10-mal pro Tag startet und landet die kleine 19 sitzige Beech 1900Ds von Kathmandu aus. Leider war es an diesem Tag relativ trüb und die Gipfel der Berge lagen in einer Dunstglocke die sogar mit freiem Auge nur schwer zu durchdringen war. Das der Pilot dann nicht einmal den Everest umkreiste sondern weitab eine Schleife flog, machte es allen Passagieren an Bord absolut unmöglich auch nur ein vernünftiges Foto zu schießen. Sogar mir als „Profi“ war es trotz VR 70-200mm plus Kenyon KS-4 Gyro nicht möglich vernünftige Fotos zu machen, was extrem ärgerlich war, bezahlte man doch dafür genau wie in der Werbung groß abgebildet in geringer Entfernung den Gipfel des Everest zu umkreisen.
Nach nicht einmal einer Stunde waren wir wieder in Kathmandu und pünktlich zum Frühstück war ich wieder im Hotel. Ich setzte mich an einen Tisch, legte meine Kamera vor mich hin und zappte eilig durch die hunderten Aufnahmen welche ich gerade während des Fluges gemacht hatte. Meine Güte sahen die alle schlecht aus, dachte ich mir und schüttelte nur meinen Kopf. Dabei hatte ich alles gründlich überdacht, lange bevor der Flug los ging. Ein netter Kollege hatte mir nämlich Bilder gezeigt welche sein Vater vor Jahren auf genau so einem Rundflug aufgenommen hatte und daher wusste ich, dass die Beech 1900Ds braun getönte Scheiben haben, welche jeglichen automatischen Weißabgleich ad absurdum führen. Da ich aber mit dem ersten Flieger um 06:30 Uhr abhob und den Everest im besten Licht fotografieren wollte konnte ich auch keinen Weißabgleich durchs Fenster hindurch auf die Asphaltlandebahn machen, .. weil die Sonne ja noch nicht schien!!!
Dies hatte ich also in genau diesem Typ von Flugzeug Tags davor von Flug Pokhara-Kathmandu bereits erledigt. Alle diese Vorbereitungen halfen aber gar nichts, denn die Pombierung der kleinen dunkel getönten Fenster und deren Material machen es absolut unmöglich scharfe Kontrastreiche Aufnahmen zu machen. Einzig die Fotos die ich aus dem Cockpit der Maschine, mit freundlicher Genehmigung des Captains machen durfte, wurden „halbwegs“ so wie ich mir das erwartet hatte. Nicht perfekt, aber so, dass man sie nach Bearbeitung im CS3 her zeigen kann. Etwas enttäuscht aß ich mein Frühstück und überlegte mir was ich heute noch anstellen könnte. Nach Pokhara und all den Strapazen mit dem Ultralight hatte ich mir selbst versprochen jetzt in Kathmandu erstmal ein wenig zu entspannen. Also legte ich erstmal einen gemütlichen Tag am Pool ein. Den ersten wie ich anmerken möchte. Ich nahm mir einen Hemingway (Die grünen Hügel Afrikas) legte mich ans Swimmingpool, bestellte mir ein kühles Bier und tauchte ein in die Geheimnisvolle Welt der Großwildjäger.
Hemingway versteht es auf so großartige weise den Leser an Teils banalen Kleinigkeiten teilhaben zu lassen wie kein anderer. Man kann die Strapazen seiner Reise beim lesen richtig fühlen. Allerdings kam ich beim lesen nicht allzu weit, denn als ich eine Runde schwimmen ging kam mein Lieblingsaffe wieder vorbei und stahl mein Buch. Dabei war ich gerade bei der Stelle, an der die verletzte Hyäne sich selber auffraß, was zwar grauslich zu lesen war, aber offenbar eine Tatsache ist? Blöde Viecher.
Na ja, der Affe liest halt auch Hemingway. Da der Tag aber noch lang und mein Buch weg war beschloss ich das Pool samt dem dahinter liegenden Gebäudetrakt in eine mystische Stimmung zu tauchen und zu fotografieren. Der Himmel hatte aufgerissen und so konnte ich nicht mehr untätig herumliegen. Da ich aber keine zweite Speicherkarte überflüssig hatte war mir klar dass ich diesmal vorsichtiger mit meinem Equipment sein musste. Ich ging aufs Zimmer, holt meine Kamera das Stativ ein paar Filter, die abgesoffene Speicherkarte welche ich am ersten Abend aus dem Pool gerettet hatte, plus einer Tube Superkleber! So gerüstet pilgerte ich wieder retour zu meiner Liege, überlegte wie ich es am besten anlegen könnte und stellte mein Stativ auf. Den Poolwächter ließ ich das Wasser abdrehen, denn für mein Foto brauchte ich zwei verschiedene Situationen. Einmal eine in der die kleinen Wasserfälle an der rechten Seite des Pools deaktiviert waren und dann wieder aktiviert. So etwas lässt sich im Nachhinein recht hübsch kombinieren und keiner weiß wies geht :-)
Während ich so da stand und die Kamera am Stativ mit der Wasserwage einrichtete und mit verschiedenen Filtern experimentierte sah ich im Augenwinkel meinen Widersacher, den Affen. Er pirschte sich unauffällig übers Dach kommend von der rechten Seite an. Nur das ich diesmal auf ihn gewartet hatte. Vorsichtig näherte er sich dem Swimmingpool an dem ich zu dieser Zeit ganz alleine war. Er hielt einen Moment inne, sah sich um und blieb ruhig sitzen. Ich tat so als ob ich nichts ahnend fotografierte, beobachtete ihn aber im Augenwinkel. Dann, urplötzlich startete er durch, auf allen vieren hoppelte er wie ein Hase Richtung meiner Liege, sprang mit einem Satz hinauf. Diesmal gehörst du mir, dachte ich grinsend. Er saß auf der Liege sah mich Siegessicher an und wartete darauf das ich hin laufen würde, wunderte sich wahrscheinlich etwas, dass ich es nicht tat und wollte sich meine Speicherkarte greifen.... was aber nicht ging. Die hatte ich nämlich mit Superkleber an der Glasplatte des Tisches angeklebt und zusätzlich mit Sonnencreme eingeschmiert. Sp präpariert konnte nicht einmal der Affe sie stehlen. Immer und immer wieder griff er danach, verstand offenbar nicht wieso er sie nicht wegnehmen konnte und ärgerte sich sichtlich. Ich ging gemütlich zu ihm hin lachte ihn aus, wähnte mich schon als Sieger, da sprang er auf rannte um mich herum und weg war ein Farbverlaufsfilter. Den hatte ich nämlich unvorsichtiger weise mitten am Stein hinter meinem Stativ liegen lassen. Ich meine, ich hätte ihn beim zusammen packen sicher wieder gefunden, die Augen des Tieres waren aber auch in so einer Situation den meine weit überlegen wie es schien. Ich ärgerte mich aber nicht, war es doch nur der Tabak Filter welchen man eh nicht so oft einsetzen sollte. Nachdem ich alle wertvollen Sachen im zimmer verstaut hatte und die Wolkendecke sich wieder schloßbestellte ich noch ein Bier für mich und Nüsse für meinen Affen. Die platzierte ich dann neben meiner Liege am Boden und siehe da der Affe kam tatsächlich und fraß sie auch. Als Dankeschön fand ich nach dem schwimmen sogar meinen Hemingway im Blumenbeet neben dem Pool, was man aber wahrscheinlich weniger als freundschaftliche Geste, mehr wahrscheinlich als Zufall bezeichnen konnte. Wie auch immer, wir hatten uns am sechsten Tag mit einander vertragen und ich während ich so am Pool lag sinnierte ich darüber, was ich wohl in den nächsten Tagen so alles machen konnte.
7 Tag:
Der Tag begann nicht gut. Bereits im Stiegenhaus musste ich erkennen, dass man auf frisch aufgewaschenen Steinböden durchaus Eis laufen kann. Geschmeidig wie eine Gazelle im Sprung legte ich einen doppelten Rittberger hin, hielt mich in meiner Drehung an einer vorbei fliegenden Wanddekoration an, entfernte diese elegant und konnte mich gerade noch am Geländer des Treppenhauses fest klammern. So gestresst kam ich mit leichten Kopfweh in den Frühstücksraum. Das letzte Bier musste schlecht gewesen sein, dachte ich während ich den nett drein blickenden Kellner um ein Aspirin bat. Dieser kam dann sofort und brachte mir,..... den Kaffee. Er konnte nichts dafür, dachte ich mir und bedankte mich höflich.
Geplant war für heute eine Tempelbesichtigungstour. Zuhause hatte ich mir im Internet angesehen welche Tempel es gab und entschieden welche davon wirklich sehenswert waren. Gesagt getan, ich organisierte mir ein Taxi, welches mich gleich nach dem Frühstück vor dem Hotel abholte und mich direkt zur Swajanbhunath Stupa brachte.
270° Panoramarundblick beim Swajanbhunath Tempel:
Der Fahrer machte zwar kurz Halt bei dem Beginn der Treppen und meinte ich sollte hier raufgehen, was mich zwar köstlich amüsierte, aber auf keinen Fall in Frage kam. Faul wie ich nun mal bin tuckerte ich mit unserem rostigen Toyota bis hinauf zum Parkplatz.
Dort angekommen schnappte ich mir meinen Rucksack und das Stativ und machte mich auf die Suche nach schönen Motiven. Gliech nachdem wir ausgestiegen waren kam gerade eine größere Gruppe Mönche an, welche ich abwartete. Obwohl ich genau wusste wo ich hinwollte, war ich mir nicht sicher, ob mich mein Fahrer nicht zum falschen Tempel geführt hatte. Denn dies hier sah so gar nicht nach der Stupa aus die ich besichtigen wollte. Na gut dachte ich mir, jetzt bin ich schon mal da, also kann ich es mir ja mal ansehen. Und gut wars....
Überrascht von der Vielzahl an Motiven verbrachte ich dann fast 2 Stunden oben beim Tempel.
Wobei ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich die Anlagen praktisch nie von Innen besichtige, sondern mich meist nur mit dem äußeren zufrieden gebe. Bin also in dieser Hinsicht ein echter Banause ;-)
Nachdem ich mein Polo-Shirt oben am Swajanbhunath Tempel durchgeschwitzt hatte ging es weiter zum Pashupatinath Tempel, welcher für Touristen nur zum Teil zugänglich ist. Pashupatinath ist das größte hinduistische Heiligtum Nepals, soviel wusste ich, denn auf mehreren Nepalseiten war ich immer wieder über die Bilder der rituellen Verbrennungen gestolpert und wollte mir davon selber ein Bild machen. In diesem Tempel wird Shiva, dem Gott der Tiere gehuldigt. Da man aber vom anderen Ufer aus recht gut beobachten kann wie die rituellen Verbrennungen vor sich gehen muss man gar nicht hinein gehen dachte ich mir als ich dann tatsächlich vor Ort war.
Ich baute gemütlich mein Stativ auf beobachtete die Touristen rundherum wie sie hektisch zwei Fotos machten um sofort wieder weiter zur nächsten Attraktion zu pilgern und kramte langsam mein 70-200mm samt Telekonverter aus meinem Rucksack heraus. Man brauchte keinen Guide um sehen zu können was am anderen Ufer in den Menschen vor sich ging. Interessant für all diejenigen die jetzt meinen, dass es sich nicht gehören würde so eine intime Szene fotografisch festzuhalten möchte ich ein paar Bilder posten die wie ich glaube für sich sprechen....
Früher mal mag es ja ein ruhiger beschaulicher Ort gewesen sein, heute aber ist es ein Jahrmarkt. Tausende Touristen pilgern täglich zu dieser Stätte der letzten Ruhe, dementsprechend viele Saddhus und Strassenverkäufer belagern die Touristen, bieten ihre Waren feil und buhlen um die Gunst der Stunde.
Nur die Angehörigen auf der anderen Seite des Ufers waren wirklich in tiefer Trauer während andere, die das Ritual vorbereiteten offenbar nur ihrer Arbeit nachgingen. Hier auf unserer Seite war es pure Neugierde und Sensationslust.
Was für mich aber höchst interessant war, ist das Leben das sich dort entlang des Flusses abspielte. Was jedem sofort ins Auge springt, sind klarerweise die Scheiterhaufen. Manche werden gerade aufgeschlichtet andere sind im Vollbrand und wieder andere sind nur mehr kleine Häufchen Asche.
Eine Trauerfeier ist beendet und die Gäste und Angehörigen gehen gemeinsam nach Hause, die nächste Gruppe kommt gerade an und die Zeremonie beginnt langsam. Es ist wie der Kreislauf des ganzen Lebens der sich da in dem Ritual um die Verbrennung der Leichen widerspiegelt. Ein ständiges kommen und gehen. Plötzlich schreit jemand lauthals auf. Ich zucke zusammen drehe mich in die Richtung aus der die Schreie kommen, suche nach dem vermeintlichen Problem und finde, nach längerem suchen in der Menschentraube am anderen Ufer, eine trauernde Mutter, welche ihrem Schmerz durch Schreien und vielen Tränen Ausdruck verlieh. Zwei Verwandte stützen und trösteten sie, wobei es für mich so aussah als ob die Trauerfeier ihren Schmerz noch wesentlich zu verstärken schien.
Der Leichnam war in wunderschöne orange leuchtende Seidentücher gewickelt und lag einsam auf einer Bambustrage etwas abseits der trauernden.
Ein Mann errichtete derweil den Scheiterhaufen aus großen Holzscheiten und bereitete alles für die demnächst stattfindende Verbrennungszeremonie statt.Während sich die eine Familie so auf die Verabschiedung iher Angehörigen vorbereitete, war eine andere Gruppe von Menschen nur wenige Meter entfernt bereits mitten in den letzten Schritten bevor es losging. Offenbar war hier die Mutter gestorben und ihr ältester Sohn hatte die Aufgabe diesen letzten Weg gemeinsam mit ihr zu beschreiten. Der Leichnam lag auf den Stiegen des Tempels, ihr Sohn kauerte nur wenige Treppen höher zusammengekauert in tiefem Schmerz. Sein dünner schmutziger Körper ließ erkennen, dass er aus einer nicht sehr wohlhabenden Familie stammen musste. Immer wieder übermannten ihn Weinkrämpfe und Freude versuchten ihm Trost zu spenden.
Nach einigen Minuten begannen zwei Männer damit den Leichnam für die Verbrennung vorzubereiten. Sie entfernten die unter dem Seidentuch befindlichen Tücher in denen die Verstorbene eingewickelt war und legten so Gesicht, Hände und Füße frei. Ein unglaublicher Anblick, ich konnte nicht glauben was ich hier gerade fotografierte. Da spielten Kinder in demselben Fluss in dem vor wenigen Minuten die Überreste einer anderen Verbrennung entsorgt wurden. Sie suchten offenbar noch den Goldringen oder anderem Schmuck welcher in form von Goldkronen am oder im Körper der Toten im Fluss gelandet war.
Ich als Europäer, welcher in sehr behüteten Verhältnissen aufgewachsen ist, konnte es nicht fassen. Da standen halbnackte Buben im Alter von vielleicht 8 bis 16 Jahren mit bloßen Füssen in den Überresten von zig Leichen in dieser Drecklacke und suchten, den ganzen Tag über… nach vielleicht einem Goldring. Oh mein Gott, wie arm sind doch die Menschen hier schoss es mir durch mein Gehirn.
Plötzlich zog eine ganz andere Szene meine Aufmerksamkeit auf sich. Links von mir kamen auf einmal Kühe angetrottet und mischten sich genau wie eine Herde Affen unter die anwesenden Kinder im Fluss sowie unter die Trauernden bei den Scheiterhaufen. Auf einmal waren überall Kühe und Affen.
Und als müsste man diese Surreale Szene nochmals toppen bemerkte ich direkt vor mir eine Mutter die ihre Wäsche bei einem Brunnen wusch und deren Kinder auf dem Brunnen mit dem Wasser spielten, wie Kinder halt überall auf der Welt alles rundherum vergessen können, wenn sie spielen und nunmehr das Spiel selbst realisieren.
Es war so unfassbar, dass ich fast 1 ½ stunden dort zubrachte ohne mich viel zu bewegen. Ich saugte die Eindrücke in mir auf, versuchte ein paar gute Dokumentarbilder zu machen und beobachtete.
Nach all diesen Eindrücken brauchte ich erstmal eine Pause… ich setzte mich entlang der Straße hin, trank eine Flasche Mineralwasser und mir wurde bewusst wie gut es mir ging. Da saß ich nun, bewaffnet mit einer 4000 Euro Kamera einem Stativ mit dem man einen ausgewachsenen Löwen erschlagen könnte. Und die Kinder beim Brunnen haben nicht einmal Kleidung am Leib, geschweige denn etwas Vernünftiges zu essen. Wie gerne wollte ich helfen, wusste aber das ein einzelner Mensch, selbst wenn er sich bemühte maximal wenigen anderen Menschen und dann auch nur für kurze Zeit unter die Arme greifen kann. Eine Schande ist das wie es in Ländern wie eben hier in Nepal zugeht, dachte ich mir und ging zu Fuß zurück zu unserem klapprigen Toyota ohne Fenster…..
Wie in Trance saß ich am Rücksitz und an mir flog alles nur so vorüber, ich blickte aus dem fahrenden Auto, sah die Menschen realisierte aber nicht was da an uns vorüber zog. Wie in einem Strudel der Zeit bewegte sich das Fahrzeug, mein Gehirn war aber immer noch am Fluss, und versuchte all die Eindrücke zu verarbeiten. Als wir zu einer Brücke kamen welche über einen Großteils ausgetrockneten Fluss führte, entdeckte ich mehrere Menschen inmitten von riesigen Steinehaufen sitzen. Sofort wies ich meinen Fahrer an stehenzubleiben und stieg aus. Da saßen wirklich Menschen neben dem Flussbett und klopften Steine. Und nicht genug dass es heutzutage so arme Menschen geben muss, NEIN.. es waren auch noch Kleinkinder, die da vor mir im gleißenden Sonnenschein ungeschützt bei 34 grad Celsius mit einem schweren Hammer bewaffnet auf kleine Felsbrocken einschlugen. Da stand ich nun neben meinem Toyota, die Kamera bereits im Anschlag und überlegte ob man so eine Szene überhaupt festhalten sollte.
Man musste unweigerlich an all die hungernden Kinder in Afrika denken wenn man sah wie die Kinder hier Schwerstarbeit für einen Hungerlohn verrichteten. Konnte ich einfach hingehen mich von so einem armen Geschöpf hinknien und es dann einfach fotografieren? Ist das ethisch vertretbar, was würde sich die Mutter des Kleinen denken und wie würden sie reagieren… tausend dinge gingen mir gleichzeitig durch den Kopf. Nach abwägen aller Faktoren entschied ich mich aber dann doch diese furchtbare Szene für die Nachwelt dokumentarisch festzuhalten, ging hin, kniete mich vor einem kleinen vielleicht 8 jährigen Jungen mitten in die Steine, lächelte ihn kurz an, deutete ihm das ich ihn fotografieren möchte, er lächelte freundlich zurück und machte ein paar Aufnahmen.
Nachdem ich die Fotos gemacht hatte fühlte ich mich nicht wirklich gut. Da stand ich nun, in meinem feschen Polo Shirt, meiner neuen Jean, welche ich vom Staub der Steine, in welchen ich gerade gekniet war abputzte und vor mir eine Gruppe wirklich armer Menschen welche zu mir aufblickten als wäre ich ein Außerirdischer. Gerne hätte ich den Leuten geholfen, wusste aber nicht ob dies nicht kontraproduktiv ist. Denn gebe ich ihnen jetzt Geld, wissen sie das der nächste Tourist welcher sich ihnen nähert für fotografieren bezahlen wird, oder muss. Gebe ich ihnen nichts habe ich ein schlechtes Gewissen und mache mir Sorgen ob sie genug zum essen haben heute Abend…. Egal für was ich mich also entscheide, es ist garantiert falsch. Kommt immer nur darauf an aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtet. Ich griff nach hinten in meine Jean, holte meine Brieftasche heraus und verteilte Banknoten wie Zuckerln. Jeder der armen Schlucker sollte heute glücklich sein dachte ich mir. Niemand müsste an diesem Tag hungern. Also gab ich jedem der Kinder und danach auch den Erwachsenen umgerechnet 2 USD, was für uns nicht viel, für die Menschen dort aber ein Wochenlohn ist.
Damit aber niemand glaubt ich picke mir bewusst die dramatischsten Szenen heraus um Leute zu Hause zu schockieren ein paar Eindrücke rund um diese Steineklopfenden Menschen entlang des Flußes....
Doch ein wenig geschockt durch diese Eindrücke, fuhren wir dann wieder zurück zum Hotel, wo ich erstmal alle Speicherkarten auf meine Imagetanks überspielte. Danach genehmigte ich mir eine herrliche kühle dusche und spülte mit dem reinigenden Wasser auch gleich einen Großteil des schlechten Gewissens wieder von meiner Seele. Unten im Garten des Dwarikas sah die Welt gleich wieder ganz anders aus, hier funktioniert alles, ist jeder freundlich, die Kellner adrett gekleidet und perfekt geschult um den ästen alle Wünsche von den Lippen abzulesen. Nicht umsonst sind schon viele gekrönte Häupter anderer Länder hier abgestiegen.
Nach einer geruhsamen Nacht im Dwarikas wollte ich am letzten Tag meines 10 tägigen Nepal Aufenthaltes noch einmal die Straßen der Stadt unsicher machen. Die Tempel hatte ich gesehen, den Mount Everest fotografiert, ja sogar der Annapurna und ein sensationelles Panorama waren mir gelungen.
Da konnte man eigentlich nur zufrieden sein, dachte ich mir beim Frühstück des letzten Tages.
Besonders interessant an Nepal fand ich alle die Hintergrundinformationen welche ich durch die Eigentümer, welche natürlich alteingesessene Nepalesen waren bekommen hatte. Meine Angst der ersten Stunde war gewichen und nun freute ich mich richtiggehend darauf am letzten Tag noch einmal die Menschen auf den Straßen Kathmandu's erleben zu dürfen. Hastig schlang ich das Frühstück herunter, hatte ich doch nur mehr bis Mittags Zeit. Schnell die Kamera plus ein paar Speicherkarten geholt und los gings. Ganz anders sah plötzlich alles aus. Der Streik war beendet, die Menschen hatten nicht mehr so lange Gesichter und ich fühlte mich wohl, ganz so als wäre ich in Thailand, oder Laos. Alle Menschen lächelten mich freundlich an, Kinder liefen mir nach und wollten fotografiert werden.
Obwohl mir auch die Nepalesischen Grußformeln nicht ganz geläufig sind. Aber ich bin ja lernfähig... ;-)
Nachdem ich die Kinder dann bereitwillig abgelichtet hatte wollten sie immer sofort ihr Portrait auf meinem Kameradislay zu betrachten und amüsierten sich köstlich darüber. Ein kleines Mädchen lief mir aus diesem grund gut und gerne einen halben Kilometer nach. Immer wieder musste ich sie in ihrer Schuluniform mit verschiedenen Freundinnen fotografieren und immer wieder lachte sie hellauf als sie sich selbst auf dem Display erkannte.
Noch nie hatte ich erlebt, dass Kinder, welche offenbar auf dem Weg in die Schule waren mich darauf ansprachen und fotografiert werden wollten. Unglaublich dachte ich, ich hab heute ja mehr Glück als Verstand. Egal, ich schlenderte so frohen Mutes durch die schmutzigen Straßen und fand unglaublich viele Motive. Praktisch an jeder Ecke bot sich mir ein neues Motiv geradezu an. Hier stand eine Teeverkäuferin, dort ein Schuhputzer und gleich dort drüben ein Friseur der unter freiem Himmel einen Mann rasierte. Vielleicht war ich ja nur zur falschen Zeit angereist, ... dachte ich mir heute an meinem Abreisetag?
Wie auch immer....
Für mich hatte Nepal unglaubliche Impressionen bereitgehalten und das werde ich niemals vergessen. Der Aufenthalt war mit 10 Tagen zwar recht kurz bemessen, ich konnte aber durch die perfekte Planung und die Mithilfe der Familie Shrestha welcher ich zu großem Dank verpflichtet bin Dinge sehen und erleben die anderen vielleicht auch nach Jahren verborgen bleiben werden. Mit solch positiven Gefühlen checkte ich aus „meinem“ Dwarikas aus, verabschiedete mit mit einem höflichen Namaste und fuhr auf den Internationalen Airport wo mein nächstes Abenteuer bereits auf mich wartete.....
Und eines ist klar, wenn ich das nächste mal wieder in Asien bin schaue ich garantiert wieder bei meinen Freunden vorbei. Allerdings hoffentlich bei besserem Wetter ;-) Und meine Kamera werd ich das nächste mal im Kasten lassen soviel steht fest. Denn wenn man immer nur durch den Sucher blickt geht viel von der eigentlichen Romantik eines Landes zwischen Sucher und Sensor verloren.
Ich hoffe ihr habt euch beim lesen dieses doch recht langen Reiseberichtes nicht allzu sehr fadisiert und es war etwas interesantes dabei.
Liebe Grüße
Euer
Wolfgang



