Nikon D4
Nikon D4

Nach nunmehr 4 Jahren, 4 Monaten und 14 Tagen war es endlich soweit, der lang erwartete Nachfolger der Nikon D3 wurde der Welt zeitgleich, am 6. Jänner 2012 über das Internet präsentiert. Alle Unpässlichkeiten des letzten Jahres (Fukushima , Flut in Thailand) konnten Nikon nicht davon abhalten, ihr neues Profimodell vorzustellen. Trotz dieser gefühlt leicht verzögerten Vorstellung der Nikon D4 demonstriert der Konzern mit der Ankündigung, lange vor Canon mit der tatsächlichen Auslieferung zu starten, Stärke und Weisheit. Was hilft es den Canon-Fotografen wenn die EOS-1D X bereits am 18. Oktober 2011, also knapp 3 Monate vor Nikon ankündigt, aber die ersten Bodys aber erst ab April 2012, also ganze 5 Monate später, ausgeliefert werden können.
Obwohl sich Nikon hier eines altbekannten Tricks bedient, denn wie so oft werden am 16. Februar - dem Termin der geplanten ersten Auslieferung - nur sehr kleine Stückzahlen an ausgewählte Händler gesendet und nur jene die Auserwählt sind (und bei denen EUR 500,00 mehr oder weniger keine Rolle spielen), werden mit einem der begehrten Bodys bedacht werden. Da ich zu den glücklichen gehöre, die die Nikon D4 an diesem Tag bekommen werden, muss ich nur noch 5 Wochen zuwarten und kann euch dann aus erster Hand berichten wie sich das neue Topmodell im Vergleich zu meiner Nikon D3s schlägt.
In den einschlägigen Internetforen wurde im letzten halben Jahr unglaublich viel spekuliert, tausende Seiten mit hoffnungsvollen Wünschen und Phantastereien zugepflastert und jetzt, ja jetzt, ist sie wirklich da. Die einen sind hellauf begeistert und haben bereits blind bestellt, die anderen schwer entäuscht, aber alle haben eines gemeinsam, sie saugen jede auch nur irgendwo verfügbare Info gleich einem Schwamm auf und sei es nur ein JPEG in Originalgröße von der japanischen Nikon Homepage. All diese selbsternannten Tester/Kritiker wissen natürlich bereits am Tag 1 nach der Vorstellung der neuen Nikon D4 welche Vor- resp. Nachteile sie haben wird und werden nicht müde Nikons Ingenieure zu kritisieren und Features der neuen Nikon D4 zu bekriteln, obwohl sie selber nicht ein vernünftiges Foto zu Stande bringen. Erste Testberichte werden vorformuliert und Spekulationen werden zu angeblichen Tatsachenberichten umgeschrieben.
Wie arrogant und anmaßend zu glauben man wisse alles besser und könne einem Weltkonzern erklären wie er seine Profikamera zu gestalten hat!? Obwohl bis auf wenige außerwählte Profifotografen a' la Joe McNally und wenigen anderen noch niemand eine Nikon D4 in Händen gehalten hat, denkt so mancher Patient offenbar, er könne aufgrund von Katalogdaten mehr wissen als in den Monaten zuvorher bereits aufgeregt spekuliert wurde?
Ich für meinen Teil bin mir sicher, dass Nikon in den letzten 4 Jahren alles technisch mögliche in die Kamera gepackt hat und mögen die harten Fakten auch nicht nach einem großen Wurf aussehen kann man davon ausgehen, dass die Nikon D4 keine runderneuerte D3s, sondern viel mehr eine komplett neue Kamera in einem vergleichbaren Gehäuse ist. Persönlich freut es mich, dass sich Nikon auf die wahren Werte besonnen hat und das mMn misslungene Experiment in Form der D3x nicht weiterführt. Dabei will ich gar keinen Hehl daraus machen, dass auch ich gerne 50 MP für meine Landschaftsaufnahmen haben würde, aber alles geht halt nicht. Entweder perfekte Bildqualität oder Megapixel.
Viele Fotografen haben offenbar vergessen, dass auch das Kleinbildformat früherer Analogkameras immer kompromissbehaftet war und selbst Amateure oft zum qualitativ besseren Mittelformat gewechselt sind. Auch ich hatte im Laufe der Jahre eine Mamiya RZ 67 Pro II und eine Horseman 612P. Natürlich wird demnächst auch noch eine hochauflösende Schönwetterkamera a' la Nikon D800 mit 36 MP kommen, gar keine Frage, nur kann eine solche Kamera bei allem Fortschritt max bis ISO 3200 gute Ergebnisse abliefern. Und das wäre schon eine kleine Sensation, denn die Nikon D7000 hat einen vergleichbaren Pixelpitch und kann nur bis ISO 1600 überzeugen.
Geht man also davon aus, dass Nikons Marketing-Strategen richtig liegen und die Masse der Amateurfotografen bei 36 MP ihre Geldbörse nicht mehr im Zaum halten können, wird die Differenz zwischen einer Nikon D4 und einer vermutlich bald erscheinenden Nikon D800 im Bereich von zwei bis drei ISO-Stufen liegen. Dies klingt auf den ersten Blick nach nicht viel, ist in der Available Light Welt ein ganzes Lichtjahr. Man könnte auch sagen... der zu erwartende Qualitätsunterschied der Nikon D4 zur D800 wird in etwas so groß sein wie jener zwischen der Nikon D3s und der D7000. Und dieser Unterschied ist unglaublich groß, dass könnt ihr mir glauben, ich besitze nämlich beide Bodys.
Oder glaubt tatsächlich irgendjemand dort draussen, dass Nikon 4 Jahre lang in der Pendeluhr geschlafen hat und seine Hausaufgaben nicht gemacht hat? Genau wie die D3 im Jahr 2007 oder die Nikon D2x davor demonstriert Nikon wieder einmal was heute technisch möglich ist. Das beginnt bei den neuen XQD Speicherkarten und endet beim Kevlar Verschlussvorhang. Das eine solche Profikamera nicht billig sein kann ist ebenso klar wie die Tatsache, dass die Kamera alleine keine guten Bilder macht, aber das war immer schon so.
Der versierte Fotograf jedoch wird Möglichkeiten vorfinden die vorher nur mit erheblich größerem Aufwand umsetzbar gewesen wären und kann, so es ihn interessiert, auch in der EBV in größerem Umfang manipulativ eingreifen. Denn je mehr Qualität in einem File steckt, desto mehr lassen sich zB dunkle Bereiche rauscharm aufhellen, desto natürlicher muten HDR's an und auch bei simplen Tonwertkorrekturen muss nicht mehr groß getrickst werden. Ganz zu schweigen von der kostbaren Bearbeitungszeit am Rechner die man sich sparen würde, müsste man die Fotos nicht mehr entrauschen und mühsehlig Foto für Foto individuell bearbeiten und mit verschiedensten Programmen konvertieren, entrauschen und bearbeiten. Alleine wenn ich mir überlege wie ich oft ich vor einem Shooting überlegt habe ob ich ADL einschalten, oder es aufgrund des dann auftretenden Rauschens in den dunklen Bereichen nicht lieber doch ausgeschaltet lassen soll. Und da lasse ich den neuen Autofokus, die 11 fps und viele andere neue Features noch völlig unbeachtet.
Liebe Grüße
Euer Wolfgang
PS:
Mit Kameras verhält es sich ähnlich wie mit Autos. Um sagen zu können was die Nikon D4 besser oder anders kann als zB die Nikon D3s muss man beide Bodys besitzen und sie unter realen Bedingungen gegeneinander antreten lassen. Der neue Porsche Turbo wird auch nicht aufgrund seiner Katalogdaten als besser oder schlechter wie sein Vorgängermodell bewertet, sondern muss im harten Alltagseinsatz und auf der Rennstrecke beweisen, dass er tatsächlich sparsamer, schneller und effizienter ist. Alles andere ist Larifari.