Schärfe allein ist kein Verkaufsgarant
Das schärfste Nikkor
Das schönste Bokeh
Die geringste Streulichtempfindlichkeit
Die neutralste Farbwiedergabe
Maximale Schärfe bereits bei Offenblende
Nikons bestes Superweitwinkel
Dies sind Titel einiger aktueller Threads aus deutschen Fotografie Foren.
Mein bisheriger Zugang zu solchen Themen war immer der gleiche. Ich versuchte aufzuzeigen, was mit heutigem Equipment technisch machbar ist, da ich selber gerne alles bis zum Exzess ausreize. Heißt es doch: Das Gute ist der Feind des Besseren.
Leider musste ich die Erfahrung machen, dass es gerade in techniklastigen Fotografie Foren immer wieder Neunmalkluge gibt, die zwar nicht fotografieren können, aber anderen erklären wie der Hase läuft. Selbstredend, dass für den Laien der eine simple Frage äußert, nicht nachvollziehbar ist, wer Profi ist und versteht wovon er schreibt und wer einfach blufft.
Mir ist natürlich klar, dass die wenigsten dies mit Absicht tun, sondern Missverständnisse und Unwissen zu solchen Irrglauben führen, trotzdem ist es für den Amateur mit einer Frage immer schwerer heraus zu destillieren, wer der 15 Antwortposter nun recht hat.
Um ein für alle Mal klar zu machen, dass gute Fotos nicht von maximaler Schärfe, toller Farbwiedergabe, oder weiß ich noch was alles abhängig sind möchte ich das sprichwörtliche Pferd einmal von hinten aufzäumen und euch anhand einiger Beispiel demonstrieren, dass all diese Parameter überhaupt nicht wichtig sind.
Gehen wir genau 4 Jahre in der Zeit zurück und sehen wir uns an meinem Beispiel an was damals, im Sommer 2007 technisch machbar bzw möglich war.
Gab es 2007 schon Vollformat DSLRs von Nikon?
Klare Antwort: Nein
Das damalige Topmodel hieß Nikon D2Xs und hat den Cropfaktor 1,5 und die allseits so beliebte Nikon D3 wurde zwar kurz darauf am 28. Aug 2007 vorgestellt, war aber erst zu Weihnachten im Fachhandel erhältlich.
Wer mir nicht glaubt sieht einfach hier nach.
Da es zu dieser Zeit ausschließlich DX Kameras gab, musste man im Weitwinkelbereich zwangsläufig das Nikon AF-S DX Nikkor 12-24mm 1:4G ED zurückgreifen.
Wieso erzähle ich das?
Weil ich anhand einiger Beispiel demonstrieren möchte, dass die maximal mögliche Qualität immer vom Zeitpunkt der Aufnahme abhängt.
Und für dieses Beispiel ist Juni 2007 unser Zeitfenster.
Ich war 8 Wochen unterwegs in Afrika, ein paar Lodges hatten mich als Profi Fotografen engagiert und meine Kamera war eben jene Nikon D2Xs samt vielen DX Objektiven, aber auch dem damals bereits erhältlichen Nikon AF-S VR Nikkor 200-400mm 1:4!
Um es kurz zu machen, die Reise war ein voller Erfolg, die Lodges nutzten meine Aufnahmen für Werbezwecke und ich genoss die Reise. Seither habe ich die Bilder aus der Namib Wüste bereits tausende Male verkauft und kann deshalb, auf eine gewisse Erfahrung bezüglich der erforderlichen Qualität zurückgreifen.
Das Foto, dass sich am aller besten von allen verkauft ist ein einsamer Baum welcher am Ende des Dead Vleis steht mit viel Dünen Lehmboden und Himmel.

Eigentlich kein besonderes Bild, aber es verkauft sich gut. Aufgenommen habe ich es mit dem 10,5mm Fisheye vom stabilen Stativ mit SPVA bei Blende f/8.0 und ISO 100. Dürfte also nichts schiefgehen, oder?
Sehen wir uns nun die Schärfe dieses Fotos einmal im Detail an.

Geschockt?
Okay, ich gebe zu, da ich Photoshop-Profi bin, setzte ich alle Kamerainternen Parameter gerne auf neutral, so auch die Schärfe. Dies war die damals maximal erzielbare Schärfeleistung des Nikkor 10,5mm fisheyes auf unendlich bei Blende f/8.
Trotzdem habe ich es bereits hunderte Male verkauft und nie hat sich auch nur ein Kunde beschwert. Was sagt euch das?
Genau, es kommt nicht auf die Schärfe an, sondern auf das Motiv.
Vielleicht hätte ich die gleiche Bildwirkung auch mit einem Rattenscharfen 50mm hinbekommen und hätte nicht das „schlechte, weil unscharfe Fisheye nehmen müssen. Vielleicht lag ja auch ein Fehlfokus vor, den ich in all der Aufregung vor Ort und der gnadenlosen Hitze der Wüstensonne nicht bemerkte, alles gut möglich, aber zum Glück irrelevant, da sich dieses Foto auch 2011 noch sensationell gut verkauft.
Ich denke der eine oder andere kommt nun schön langsam dahinter was ich zu erklären versuche.
Klar ist es schön, scharfe, perfekt belichtete Fotos ohne Vignettierung und mit schönem Bokeh nach Hause zu bringen, gar keine Frage. Darüber möchte ich auch gar nicht diskutieren. Aber erforderlich ist es nicht, zumindest nicht in der extremen Qualität wie uns immer wieder jemand weiß zu machen versucht. Nicht in der professionellen Fotografie und schon gar nicht für den Amateur, der seine Bilder anschließend in max. 20x30cm ausbelichten lässt.
Hier ein Beispielbild des berühmten Leoparden Tjololo, welcher leider kurz darauf verstarb (hoffentlich nicht wegen der fehlenden Schärfe):
So biete ich es zum Verkauf an:

Dies ist das Original:

Und hier der unbearbeitete 100% Crop vom NEF:

Okay, für alle Zweifler die meinen dies wäre das denkbar schlechteste Beispiel gewesen, ein anderes Foto aus dem Jahre 2008. Dieses Bild wurde bereits mit einer Nikon D3 und dem Nikkor 14-24mm aufgenommen, allerdings freihand. ISO 200 bei Blende f/8.0, 1/400 sec bei 20mm Brennweite.
Für alle Kunden sieht das fertige HDR so aus:

Das korrekt belichtete unbearbeitete Einzelaufnahme hingegen so:

Und der unbearbeitete 100% Crop aus der Mitte zeigt….

Dass Schärfe auch hier nicht im Übermaß vorhanden ist.Trotzdem verkauft sich das Foto sensationell gut.
Was lernen wir daraus?
Nicht immer muss ein 100% Crop bombenscharf sein damit ein Bild gut wird.
Was aber nicht heißen soll, dass ich nicht gerne Objektive an meinen Bodys habe die scharfe Bilder ermöglichen.
Hier ein aktuelles Beispiel, was mit dem guten alten manuellen Ai Nikkor 1200mm 1:11 möglich ist.

LG
Wolfgang