Fotografieren unter extremen
Bedingungen - Ein Tutorial
Upper Antelope Canyon
Vorwort
Jeder leidenschaftliche Fotograf hat den berühmten Antelope Canyon, nahe Page – Arizona, irgendwann einmal auf seiner Rechnung. Kaum ein Canyon fasziniert den aufmerksamen Besucher in der Art wie es die in sich verschlungenen, tief in den Fels gewaschenen Ausnehmungen des Upper Antelopes tun. Es beeindruckt, ja macht sogar ein wenig demutsvoll, wenn man hinauf zum Himmel blickt und sich fragt wann wohl die nächste Springflut wieder zuschlägt, um den Fels erneut zu verändern. Hoffentlich irgendwann, nur jetzt nicht kommt einem unweigerlich in den Sinn wenn man den sandigen Pfad entlangt geht.
Wenn es euch genau wie mir ergeht und ihr euch vorgenommen habt, außergewöhnliche Fotos von dieser tollen Location mit nach Hause zu bringen, kann es sicher nicht schaden euch meine sehr persönlichen Erfahrungen anzueignen, um sie dann mit dem eigenen Können vor Ort zu verfeinern.
Solche Bilder sind dann durchaus möglich:

Ich möchte an dieser Stelle aber nicht verschweigen, dass die oben gezeigten Aufnahmen ein gerüttelt Maß an EBV in sich tragen und ihr nicht erwarten könnt, solche Aufnahmen out of cam zu bekommen. Viel Zeit und Können am Rechner sind erforderlich wenn ihr selbst solche Ergebnisse erzielen möchtet, dazu aber später mehr.
Beim stöbern durch das Internet fällt mir immer wieder auf, dass es zwar tausende Seite mit allen möglichen Infos zu Kameras und deren Verwendung gibt, aber kaum etwas über schwierig zu fotografierende Locations zu finden ist.
Der Antelope Canyon ist, wenn man so will, das Parade Beispiel einer ultra- schwierigen Foto Location. Kaum vorhandenes natürliches Licht, kein Platz und viel Sand (in der Luft) machen es Fotografen nicht gerade leicht gute Fotos zu schießen.
Ich möchte aber an dieser Stelle nicht auf die Problematik mit den vielen Touristen und der üblen Geschäftemacherei der Navajos eingehen, denn dieses Thema habe ich bereits ausführlich in meinem Blog erörtert. Hier geht es mir nur darum aufzuzeigen wie man sich auf die Situation vor Ort möglichst gut vorbereiten kann.
Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass ich im Juli 2009 in Page war, aber erst jetzt, fast 2 Jahre später, diesen Artikel schreibe.
Der Grund dafür ist folgender:
Anders als viele meiner Kollegen mache ich vor Ort immer tausende Fotos, welche oft Jahre auf meinem Rechner vor sich hin schlummern und darauf warten, dass ich Zeit und Ruhe finde, mich an einem kalten Winterabend hinzusetzen und sie zu sichten. Dies dauert lange und erfordert eine innere Ruhe, welche ich leider viel zu selten finde. Heute war wiedermal so ein Tag und beim betrachten der Bilder fiel mir auf wie unglaublich schwierig manche Lichtsituationen waren und ich erinnerte mich wieder daran welch interessante Aufgabenstellung sich aufgrund der vorhandenen Parameter ergeben haben.
Die Ausrüstung
Hier scheiden sich bereits die Geister und kaum einer wird meinem Rat uneingeschränkt Folge leisten. Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass für extreme Locations wie den Upper nur das allerbeste Material gut genug ist. Zum heutigen Zeitpunkt (Stand März 2011) ist dies die Nikon D3s. Etwas anderes käme für mich in diesem stockfinsteren Canyon überhaupt nicht in Frage.
Wieso?
Weil man an den einzelnen Locations innerhalb des verschlungenen Canyons jedes Mal aufs neue extrem unter Zeitdruck gesetzt wird. Man hat keine Zeit die beste Position zu suchen, seine Kamera auszurichten und lange Belichtungsreihen durchzuführen. Sollte dies für euch jetzt übertrieben klingen und ihr mir nicht glauben, möchte ich euch eines mit auf den Weg geben.
Meine Darstellung ist nicht übertrieben, sondern ganz im Gegenteil die UNTERTREIBUNG des Jahrhunderts.
Egal wie viel ihr vor Ort bezahlt, egal wie viel Trinkgeld ihr eurem Guide gebt, ihr werdet wie die Hühner durch den Canyon gescheucht und während dieser Jagd nach einem guten Foto wird so mancher am eigenen Leib erfahren was es bedeutet unter Druck arbeiten zu müssen. Niemand wird euch Platz machen, keiner interessiert sich für euer Equipment, egal wie teuer es auch sein mag und der nette Navajo vor euch wird unablässig feinsten Sand in luftige Höhen werfen um die Light Beams sichtbar zu machen.
Um euch die Illusion zu nehmen ihr könntet im Antelope Canyon zwischen all den hunderten Touristen, welche gleichzetig mit euch vor Ort sein werden, herausragende Aufnahmen machen, möchte ich euch folgendes mit auf den Weg geben. Lange vor euch waren praktisch alle Top-Fotografen der Welt bereits im Antelope Canyon und jeder der etwas auf sich hält mietet den ganzen Canyon für einen oder mehere Tage für sich alleine um ungestört bei besten Bedingungen fotografieren zu können.
Die Navajo Regierung ist da sehr pragmatisch. Jeder der entsprechend viel zahlt kann sich Zeit im Canyon erkaufen. Wem dies nicht möglich ist, oder wer denkt er könnte dies während einer der geführten "Fotografen-Touren" erledigen wird herb entäuscht werden. Nur mit sehr viel Glück wird ein Jahrhundertfoto gelingen und die allermeiste Zeit wird man nicht die Felsen, sondern andere Fotografen vor der Linse haben, glaubt mir.

Zurück zu den unwirtlichen Bedingungen im Canyon:
Grundsätzlich ist es auch im Hochsommer angenehm kühl zwischen den bis zu 30m hohen Felswänden. Ab und zu kommt dann aber doch ein Windstoß von oben, der teils große Mengen feinsten Sandes auf eure Kamera regnen lässt, was wohl der Albtraum eines jedes Fotografens ist.
Aber egal welchen Body ihr in Wirklichkeit euer eigen nennt, ihr solltet ihn blind bedienen können und wirklich gut kennen, denn in der Finsternis und unter Zeitdruck passieren sonst grobe Fehler, die ihr im Nachhinein nicht wieder korrigieren resp reparieren könnt.
Weiter zum benötigten Objektiv.
Fast alle Fotos die ich im Antelope Canyon gemacht habe, entstanden mit dem Nikkor AF-S 14-24mm f/2.8 IF-ED. Und die am meisten verwendete Brennweite war dann auch 14mm am Vollformatbody meiner Nikon D3.
Da mit sehr kleinen Blenden (f/11 oder 16) fotografiert wird um eine möglichst große Tiefenschärfe erzielen zu können und der Raum vor der Kamera sehr beengt ist, ist exaktes fokussieren ein MUSS. Dabei sollte man immer im Auge behalten, dass vor dem gewählten Fokuspunkt nur ein Drittel, dahinter aber zwei Drittel der erzielbaren Tiefenschärfe liegen.
Ein Blasebalg und ein kleines Handtuch sind ebenfalls unbedingt empfehlenswert, möchte man nicht sein geliebtes Werkzeug binnen einer Stunde vom feinen Flugsand befüllen lassen.
Brauche ich ein Stativ?
Ich weiß, dass die allerwenigsten heutzutage noch ein Stativ mit sich herum schleppen möchten, gibt es doch dutzende Helferlein, die dem Amateurfotografen weiß machen wollen, dass es auch ohne geht. Da wären zB all die Antiverwackelungsdingbumszeugseinrichtungen welche man heutzutage in fast jeder Kamera findet. Grundsätzlich toll, ganz ehrlich, nur im Antelope Canyon wertlos, denn hier mitten in der Dunkelheit kann man aus freier Hand einfach nicht mehr fotografieren. Und Blitzlicht ist verboten. Allerdings nicht weil es schlecht wäre zu blitzen, sondern weil all die Fotografen am Stativ die vielen Blitze der Kompaktkameras in ihren Langzeitbelichtungen gar nicht gebrauchen können.
Beispiel gefällig?
Nehmen wir diese Aufnahme her.

Mir gefällt dieses Bild deshalb ganz gut weil hier mehrere Dinge auf einmal augenscheinlich werden.
Jemand latscht mir ins Bild rein
Es ist wirklich finster
Auch andere verwenden ein großes Stativ
Der Canyon ist verflucht groß
Es gibt überall nur Sand und Felsen
Man muss exakt zu Mittag drinnen sein möchte man die Beams erwischen
Zu den Aufnahmedaten.
Das Foto entstand am 14.Juli 2009 um 13:18 Uhr im Upper Antelope Canyon. Es wurde mit meiner Nikon D3 und dem erwähnten Nikkor AF-S 14-24mm f/2.8 aufgenommen. Blende war f/16 bei einer Verschlusszeit von ¼ sec bei ISO 200.
ISO 200 weil ich vermeiden möchte, dass die Aufnahmen rauschen und dadurch unverkäuflich werden.
Obwohl ich persönlich geneigt bin, die oben gezeigte Aufnahme als unbearbeitet zu bezeichnen, würden mir in diesem Punkt einige vehement widersprechen und ich könnte gar nicht entgegensetzen.
Zu meiner Verteidigung möchte ich deshalb kurz erläutern wieso ich das Beispielbild als unbearbeitet einstufe und was alles gemacht wurde.
Die Nikon D3/s ist ein fabelhaftes Arbeitstier und bietet dem Fotografen so manch interessante Möglichkeit seine Aufnahmen vor, aber auch nach der Aufnahme zu beeinflussen. Dies ist jedem Fotografen klar, nur nutzen die wenigsten alle sich ihnen bietenden Möglichkeiten auch wirklich aus.
Und eben weil dies Fakt ist, lesen wir uns hier.
Ich bin ein Freund von möglichst neutralen Kameraeinstellungen, denn wie sich immer wieder zeigt, können gewissen Parameter nur VOR der Aufnahme eingestellt, anschließend aber nicht mehr zu 100% rückgängig gemacht werden. Vor allem wenn es um non-destruktives arbeiten (Arbeiten ohne das Original zu zerstören – dessen Qualität zu beeinflussen, also verschlechtern) geht.
Sehen wir uns also an wie groß der Unterschied zwischen einem Bild in der Einstellung „Standard“ kameraintern und einem auf „neutral“ ist.
Hier ist das Original mit der kamerainternen Einstellung auf „Standard“ bezüglich Picture Control und Farbsättigung auf -1.
Eine sehr konservative Einstellung wie ich meine. Trotzdem, oder gerade deshalb ist das Ergebnis mehr als Bescheiden wie man sieht. Da die Aufnahme ein Bild aus einer ganzen Belichtungsreihe ist und mit der Einstellung -3 Blenden sehr unterbelichtet wirkt ist zuerst noch nicht viel zu sehen. Das ist für dieses Beispiel aber sehr gut wie ihr gleich sehen werdet.

Das bei der Aufnahme ausschließlich NEFs in Frage kommen sollte klar sein, geht es uns doch um beste Qualität unter schwierigsten Voraussetzungen. Doch auch wenn man in RAW fotografiert gibt es viele Möglichkeiten Fehler zu machen und ein paar davon seien hier erwähnt.
Die obige Aufnahme hätte besser mit der kamerainternen Einstellung „neutral“ gemacht werden sollen.
Schärfe gehört auf null (0) und nicht auf 3.
Der Weißabgleich sollte auf Tageslicht voreingestellt werden, da sich die Elektronik unter diesen Bedingungen zu 100% verhaut.
Activ D-Lighting muss auf AUS stehen
Rauschreduktion ebenfalls auf AUS
Farbsättigung kann dagegen durchaus auf 0, plus 1 oder sogar plus 2 stehen
Ich öffne meine NEFs immer in CNX 2 und begutachte sie auf meinem farbkalibrierten EIZO Coloredge CG 222W Monitor. Erst im Capture NX2 wird nämlich sichtbar, was bei der Aufnahme falsch gelaufen ist. In dem Fall unseres Beispielbilds ist der unbeabsichtigt ins Bild gelaufene Fotograf kurz vor dem Beam, was mir jetzt 2 jahre nach der Aufnahme, ganz gut gefällt, da er gerade so unscharf ist, dass man das Bild doch kommerziell verwerten kann.
Geht man in der rechten Menüleiste auf Kameraeinstellungen sind nur wenige Änderungen, resp Korrekturen erforderlich bis aus dem viel zu dunklen Original ein wirklich stimmungsvolles Bild wird. In diesem Fall musste der falsch angesetzte Weißabgleich auf Tageslicht korrigiert, bei der [SD] Picture Control der Wert von Standard auf Neutral gesetzt werden und darunter bei den Erweiterungen die Schärfe auf null, die Helligkeit auf plus1, die Farbsättigung auf den Maximalwert plus 3 geändert werden.
Schnell als .tif abgespeichert erhält man das fertig konvertierte und nun hübsch anzusehende Bild.
Was lernen wir aus meinen Fehlern?
Der Upper Antelope Canyon stellt auch für erfahrene Fotografen eine wirkliche Herausforderung dar.
Im folgenden zweiten Beispiel unseres Tutorials möchte ich zeigen, dass Fotografie auch unter schwierigsten Lichtverhältnissen ohne der Zuhilfenahme der HDR Technik möglich ist, wenn korrekt belichtet wurde.

Brennweite: 16mm
Belichtungszeit: 20 Sekunden (zwanzig)
Blende: f/16.0
ISO 200
Dass das Zusammenspiel aus Sand in die Höhe werfen, keinen Touristen im Bild zu haben und 20 Sekunden am Stativ an ein solch engen Passage schon Organisatorisch zu den nicht ganz einfachen Aufgaben zählt muss wohl nicht extra erwähnt werden. Man sieht aber auch, dass eine einzelne Aufnahme reicht, wenn... , ja wenn exakt belichtet wurde. Hier war praktisch keinerlei EBV nötig um dieses Ergebnis zu erzielen.
Wird fortgesetzt......

